Harry Santos, Künstler, Berlin
Berlin. In Görlitz wird die schlesische Tradition hochgehalten, genauer: Die der preußischen "Provinz Schlesien", jenes Gebildes, das nur von 1815 bis 1919 Bestand hatte - und dann noch einmal von 1938 bis 1941. Anschließend entstanden die Provinzen Niederschlesien und Oberschlesien, um mit dem Einzug der polnischen Verwaltung nach Kriegsende unterzugehen. An die preußisch gefärbte Zeit erinnern in Görlitz am Postplatz noch die Backsteinbauten des Amtsgerichts und der Post sowie diverse touristenfreundliche Geschäfte. Die ehemals starke innerdeutsche Achse Görlitz-Berlin hat seit der Zugehörigkeit der Stadt Görlitz zum Land Sachsen stark an Bedeutung verloren. Schade, meint der Görlitzer Anzeiger, denn ehedem war Görlitz als Tor zum Riesengebirge Ausflugs- und Alterssitzregion für großstadtmüde Berliner. Heute ist für den Görlitzer Anzeiger die alte Bindung an Berlin Grund genug, ab und an aus der alten und neuen Hauptstadt zu berichten: Heute über den Berliner Künstler Harry Santos (Abbildung).
Künstler wie Harry Santos sind selten geworden im Deutschland der untergehenden Sonne.
Prolog:
Künstler ist in diesen modernen Zeiten ein viel strapazierter Begriff, jede Hausfrau und pensionierte Lehrerin, die versehentlich statt des Putzlappens den Pinsel greift, findet sich unversehens in der Lokalpresse als... klar: Künstlerin. Was nicht heißen soll, dass sie nicht getrost zum Pinsel greifen soll, wenn Sie mal die kreative Phase überkommt. Gender Mainstreaming Hinweis: Allein wegen der Gleichberechtigung sprechen wir von einer Künstlerin, es hätte auch ein Mann sein können.
Kunst als Ausdruck von Wahrnehmung und Erfahrung
Doch bei Künstlern wie Harry Santos - und er ist ein wahrer Künstler - liegt die Sache anders: Kunst ist für Santos das Mittel, sein Leben und seinen Anspruch zu artikulieren, das Unfassbare in Artefakte zu fassen. Seine Begabung ist ihm heute, als gereiftem Mann, Mittel, in Form zu geben, was Quintessenz seiner Wahrnehmung und Erfahrung ist. Solche Künstler sind selten geworden im Deutschland der untergehenden Sonne und des kommerzialisierten Kunstmarktes.
Kunst-Projekt Forma:t zeigt Santos
Jetzt zeigt die ambitionierte junge Galerie "Kunst-Projekt Forma:t“ im Berliner Stadtbezirk Schöneberg Santos in einer von zwei höchst interessanten Einzelausstellungen. Im Kunstzimmer 1 der Galerie sind von Santos Malerei, Materialbilder und eine Installation zum Thema "Konsolen, Fusionen, Konglomerate“ zu entdecken.
Santos hat geschafft, woran viele experimentieren: Er verbindet Abstraktion und Gegenstandskunst zu einer völlig eigenen Stilrichtung. Filigrane Objekte verbinden sich mit kruden Artefakten und verleihen seinen Materialbildern eine federleichte Balance, die der Künstler gern mit dem Symbol der Waage demonstriert.
Bei Santos steht rostiges Metall plötzlich nicht mehr für Vergänglichkeit, sondern gewinnt mit der Verwendung von Glas schmeichelhafte Züge. Malerei und Objektkunst treten in lebendige - sie atmen - Beziehung, indem Collagen aus Bild und Wort mit ausrangierten Alltagsgegenständen fusionieren.
Noch mehr Künstler
Die Santos-Ausstellung "Konsolen, Fusionen, Konglomerate“ läuft parallel zur Ausstellung von Diedel Heidemann im Kunstzimmer II. Eine Forma:t-Besonderheit: Nicht nur Santos und Heidemann sind zu sehen, sondern auch die Werke weiterer 15 Künstler, die von der Galerie vertreten werden, sind einer permanenten Gruppenausstellung zu sehen.
Alles will entdeckt sein.
Harry Santos - Schritte
Geboren 1955 in Leipzig, künstlerische Beschäftigung in frühester Kinderheit. In den späten Siebzigern abstrakt expressionistische Werke. Anfang der Achtziger politische Haft, u.a. in Berlin-Hohenschönhausen und auf dem Kaßberg in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz), Freikauf in den Westen. Dort im Konflikt um die eigene stilistische Ausrichtung, erste Ausstellungen. Nach der Jahrtausendwende: Leben für die Kunst, außerdem politischer Referent. Harry Santos lebt in Berlin auf dem Prenzlauer Berg.
Prädikat: Unbedingt hingehen!
"Konsolen, Fusionen, Konglomerate“
Installation, Malerei, Materialbilder von Harry Santos.
Kunstzimmer I im Kunst-Projekt Forma:t
Bülowstraße 52, 10783 Berlin
Dauer: 26. Oktober bis 10. November 2012
Öffnungszeiten: Mi. bis Fr. von 11 bis 19 Uhr, sonnabends von 11 bis 17 Uhr,
Weitere Öffnungen nach Vereinbarung.
Vernissage!
Freitag, 26. Oktober 2012, 19 Uhr
Keine Vernissage ohne Musik!
Am Eröffnungsabend spielen die Pianisten Jyry Melnik und Liana Halepo klassische und moderne Klavierstücke u.a. von Bach, Debussy, Miller, Gershwin.
Mehr:
http://www.santos-artist.com
http://www.kpf2012.com


@Hartmut Nicht: Die Lüge von der angeblich schlesischen Oberlausitz
Von Wolfgang Schubert am 19.10.2012 - 05:34Uhr
Bis 1945 gab es eine preußische Oberlausitz in der Provinz Schlesien. Schon mehr als zwanzig Jahre hält sich die historische Lüge, von sächsischen Politikern nach der politischen Wende erfolgreich propagiert, von einem bei Deutschland verbliebenen Rest deutschen Schlesiens.
Als noch im deutschen Schlesien 1939 im Kreis Waldenburg Geborenem, also östlich des Flusses Queis, polnisch Kwisa, der Jahrhunderte lang die Grenze zwischen Schlesien und der Oberlausitz bildete, kann ich nicht verstehen, dass der Freistaat Sachsen angeblich aus einem Teil Schlesien bestehen soll.
Heißt doch der heutige Grenzfluss zur Republik Polen nicht Schlesische Neiße, sondern Lausitzer Neiße. Auch die heute östlich in Polen gelegenen Ortschaften bis Lauban, polnisch Luban, am Queis/Kwisa sind Orte der Oberlausitz. Dort hat man es erkannt und Lehrenden ein Buch zur Geschichte der Oberlausitz, leider nur in polnischer Sprache "Vademecum historii Górnych Łużyc“, in die Hand gegeben.
Da ich als Rentner 2005 von Berlin nach Görlitz in die Oberlausitz zog, wunderte ich mich sehr, dass hier Organisationen bis hin zur Polizeidirektion den Namen "Niederschlesische Oberlausitz" trugen und das Schlesische für Werbung genutzt wurde.
Es wird Zeit, dass der Freistaat Sachsen aus seiner Verfassung die zwei Worte "schlesischer Teil“ streicht!
Es gibt hier in Görlitz die Oberlausitzische Bibliothek der Wissenschaften, dort kann man sich an Hand von Büchern und Kartenmaterial kundig machen.
Wolfgang Schubert
Fleischerstraße 2
02826 Görlitz
Telefon: 03581 - 87 95 27
Görlitz und Sachsen und Schlesien und Böhmen
Von Hartmut Nicht am 18.10.2012 - 13:17Uhr
Sehr geehrter Herr Scheibert,
Sie meinen also, weil Görlitz 180 Jahre lang zu Kursachsen gehörte und nur 130 Jahre zu Preußen/Schlesien, müssen wir uns alle als Sachsen fühlen.
Was ist denn aus den über 500 Jahren geworden, die wir zu Böhmen gehörten? Man kann doch niemandem vorschreiben, als was er sich fühlt, ob als Sachse, Preuße, Schlesier, Böhme oder gar Brandenburger (obwohl letzteres wirklich nur eine Fußnote in der Görlitzer Geschichte ist).
Wenn sich die Menschen in Görlitz noch heute lieber als Schlesier sehen, dann weil es in der Zeit zwischen 1815 und 1945 einen enormen Wirtschaftsaufschwung, verbunden mit einer nie dagewesenen Stadtentwicklung gegeben hat, den die Menschen mit der damals preußischen Landesobrigkeit in Einklang bringen. Während Görlitz und die Oberlausitz zu Zeiten der Zugehörigkeit an Sachsen oder zu Böhmen oftmals als unbedeutendes Nebenland galten und dementsprechend vernachlässigt wurden.
Wer mit offenen Augen durch Görlitz geht, insbesondere durch die einzigartigen Gründerzeitviertel, der riecht förmlich preußische Luft. Sie wurde schließlich nach Vorbildern wie Berlin, aber auch Wien und Paris errichtet. Man muss sich allein nur mal die Straßennamen und Plätze verinnerlichen: Wilhelmsplatz, Friedrichplatz, Bismarckstraße, Luisenstraße, Moltkestraße, Elisabethstraße oder das schlesische Dichterviertel… Es gibt in Görlitz keinerlei Benennungen nach August dem Starken, Brühl oder Kosel. Ähnliches gilt für die Altstadt, Görlitz gilt als die Renaissance-Hauptstadt nördlich der Alpen, jedoch kommt unsere Renaissance aus dem Osten, aus Breslau, Krakau, Böhmen und auf Umwegen aus Italien. Der in Görlitz vorhandene Barock, welcher in der Tat aus Sachsen stammt, ist dagegen schon fast zu vernachlässigen.
Wir haben das Recht uns als Schlesier zu fühlen und dies ist auch im Grundgesetz des Freistaates Sachsen nachzulesen. Dort sind ganz eindeutige Autoritätsrechte verankert, wie das gleichberechtigte Hissen der weiß-gelben mit der weiß-grünen Fahne sowie die Erhaltung der schlesischen Bräuche und landestypischen Eigenheiten. Viele Menschen (vor allem in den Altbundesländern) haben einfach ein Problem, zu erfassen, dass es sehr wohl noch ein Schlesien auf deutschem Gebiet gibt, integriert in den Freistaat Sachsen (ähnlich wie Franken in den Freistaat Bayern integriert wurde).
Ihre Spitzfindigkeit, dass Schlesien erst am Queis beginnt, ist ja auch nur eine Momentaufnahme in der Jahrhunderte alten Geschichte Schlesiens. Es stellt ja auch niemand die Grenzen des heutigen Freistaates Sachsen in Frage, obwohl sie kulturhistorischer Unsinn sind, denn Ostsachsen ist allenfalls noch die Stadt Dresden, alles was östlicher liegt, ist die Oberlausitz. Wobei wir eigentlich von der Mark Meißen reden müssten, denn die Oberlausitz ist kein politisches Gebiet, sondern ein rein geographisches (wie der Spreewald, die Eifel, etc.), dass sich nicht vergrößern oder verlagern kann. Deswegen ist ihr Appell, sich als Oberlausitzer zu fühlen, auch ein wenig unsinnig, auch hat der historische Sechs-Städte-Bund heute keinerlei politische Bedeutung mehr und wurde nur aus rein nostalgischen Gründen wiederbelebt.
Görlitzer, Nieskyer, Weisswasseraner und Hoyerswerdaer, fühlt Euch ruhig als das, was Ihr seid - Niederschlesier!
Mit freundlichen Grüßen
Hartmut Nicht
Angepackt
Von Jens Jäschke am 17.10.2012 - 10:49Uhr
Jan und Tini,
dass Ihr mal nicht zu schnell urteilt. Wenn ich etwas schreibe, hat das auch einen Hintergrund.
Mehr muss ich dazu wohl nicht betonen und angepackt habe ich schon mehr, als manchem hier lieb ist.
Görlitz und Sachsen
Von Matthias Scheibert am 17.10.2012 - 07:12Uhr
Von 1635 bis 1815 war Görlitz (und die ganze Oberlausitz) sächsisch! Diese Epoche war länger als die Zugehörigkeit zur preußischen Provinz Niederschlesien und sollte deswegen auch mehr beachtet werden.
Für die Region Oberlausitz ist diese Teilung in einen niederschlesischen und in einen sächsischen Teil nicht gut. Die Oberlausitz war bis 1815 politisch, ökonomisch und kulturell immer ein Ganzes, sowohl bei der Zugehörigkeit zu Böhmen als auch zu Sachsen. Es tut der Region Oberlausitz nicht gut, wenn man diese Trennung weiterhin betont!
Den Bürgern in Görlitz sollte man anstatt einem niederschlesischen Bewusstsein ein Oberlausitzer Bewusstsein vermitteln. Die Stadt Görlitz ist, historisch gesehen, viel länger und viel intensiver mit der Oberlausitz verbunden als mit Schlesien (z.B. Sechsstädtebund,Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften)!
Und das "Kern"-Schlesien beginnt erst östlich vom Fluss Queis (Kwisa) in Polen! Der Fluss Queis (Kwisa) ist die alte Ostgrenze der Oberlausitz.
Matthias Scheibert
(ehem. Görlitzer)

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- Quelle: red | Abbildungen: santos-artist.com
- Erstellt am 16.10.2012 - 20:44Uhr | Zuletzt geändert am 16.10.2012 - 22:10Uhr
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