Wenn die rote Socke erzählt

Bild zu Wenn die rote Socke erzähltGörlitz, 22. September 2015. Von Thomas Beier. Wenn einer links um die Ecke guckt, aber ansonsten geradeaus geht, dann ist das doch in Ordnung, oder? Vor allem, wenn er das Leben eines Randy Braumann, Jahrgang 1934, hinter sich hat. Braumann, berühmt geworden als Vietnam-, Afrika- und Nahost-Kriegsberichterstatter für den Stern, der nach dem Prinzip "wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin um" arbeitete, lebt heute mit seiner Frau im beschaulichen Görlitz. Der Umzug in die Europadoppelstadt Görlitz-Zgorzelec, die nicht müde wird, ihre trennende Grenze im Bewusstsein zu halten, indem sie bei jeder Gelegenheit deren Überschreitung betont ("grenzüberschreitend"), brachte den Glücksumstand mit sich, dass Braumann hier den Journalisten Peter Chemnitz kennenlernt, der das abenteuerliche Leben in Stories zu Papier und schließlich im Jahr 2013 als Buch unter dem Titel "Ach los, scheiß der Hund drauf!" herausbringt.

Abb.: Links Peter Chemnitz, rechts signiert Randy Braumann ein Scheiß-der-Hund-drauf-Exemplar für den Autor. Chemnitz: "Verkaufsfördernd ist dieser Titel freilich nicht."
Foto: © Görlitzer Anzeiger
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"Scheiß der Hund drauf" als Lebensmaxime

Zur Autorenlesung im Beisein eines putzmunteren und rotbesockten (O-Ton: "Sowas bekommt man in ganz Görlitz nicht!") Randy Braumanns kam es am 17. September 2015 im Görlitzer Theater auf Einladung von Mirko Schultze, der neben etlichen anderen ehrenamtlichen Ämtern Vorsitzender des hiesigen Kreisverbands der Linkspartei und stellvertretender Fraktionsvorsitzender im Stadtrat und dazu auch noch im Kreisrat ist, hauptamtlich jedoch Mitglied des sächsischen Landtags, wo er die in ihrem Abenteuerpotential in gewisser Weise durchaus Braumann-affine Rolle als Fraktionssprecher für Feuerwehr, Rettungswesen, Bundeswehr und Katastrophenschutz der Fraktion übernommen hat.

Aufgewertet wurde die Veranstaltung, die im gastronomischen Bereich des Gerhart-Hauptmann-Theaters stattfand, durch die zahlreich erschienenen Gäste, darunter die linke Kreistagsfraktionschefin Kathrin Kagelmann. Sie gehört zu den Tapferen, die, an den endlichen Sieg des Sozialismus glaubend, noch in den Achtzigern (hier: 1984) in die SED eintraten, um Karriere zu machen. Zur Veranstaltung hatte sie wieder einmal ihre rote Jacke übergezogen.

Eine spannende Frage war, ob die Alterszusammensetzung der Gekommenen die linke Wählerschaft repräsentiert oder vor allem der Tatsache geschuldet war, dass die von Chemnitz verschrifteten Braumann-Memoiren vor allem in den siebziger Jahren handeln. Zu den wenigen jungen Zuhörenden (jepp - das ist gender mainstreaming korrekt!) gehörte ein Pärchen in meiner Sitzreihe, dem die Abenteuer des Randy Braumann nicht allzunahe gingen: Beide erforschten während der Lesung ausgiebig ihre Smartphones und nuckelten an der hereingeschmuggelten Bierflasche.

Schade, denn die von Peter Chemnitz festgehaltenen Braumann’schen Erinnerungen haben ihren Wert nicht allein als Zeitdokument unmittelbaren Erlebens (heutzutage erhalten wir über Kriege weitgehend nur noch vorgefilterte oder von embedded journalists bereitgestellte Informationen, an freie Berichterstattung wie zu Braumanns Zeiten oder an Portraits der Anführer in den Auseinandersetzungen ist nicht mehr zu denken), denn mit wachsendem Zeitabstand wird vielmehr die Person Randy Braumann interessanter: Den Bombenkrieg im Ruhrpott als Kind bewusst miterlebt, die rauen Nachkriegsjahre, Versuch des Eintritts in die Légion étrangère, schließlich mit 17 Beginn der Reporterkarriere, die ihm später als Kriegsberichterstatter, immer wieder an vorderster Front, den Ersatz für das Fremdenlegionärsdasein bot. Erst wenn die Todesgefahr unmittelbar wird, kommen ihm Zweifel, kommen ihm Gedanken an seinen kleinen Sohn.

Die Schilderungen aus Braumanns Erlebenswelt – fragen wir nicht danach, was nicht aufgeschrieben ist – scheinen für die versammelte größtenteils "DDR"-sozialisierte Linksgenossenschaft Geschichten von einem anderen Stern. Es muss die Sozialistenhölle sein, wenn der Klassenfeind siegt und für einen Lebensabend mit einem nie geahnt hohen Lebensstandard sorgt.

Dass neue Feindbilder gebraucht werden, bringt die Fragerunde nach der Lesung ans Licht: Verschwörungstheorien haben in diesen Kreisen offenbar Hochkonjunktur. Den lebens- und welterfahrenen Randy Braumann allerdings hebt das nicht an, der weiß zu genau, dass Gut und Böse nicht die Endpunkte einer Skala sind, sondern sich in Regierungen immer wieder bedingen – die Frage ist doch nur, wen es diesmal gerade trifft. Und er sieht sich veranlasst, den mit Arbeiterkampfliedern aufgewachsenen Altgenossinnen und -genossen mitzuteilen, dass der antikapitalistische Kampf halt schlechte Karten hat, wenn’s den Leuten gut geht.

Mehr erfahren über Randy Braumann:
Tagesspiegel Mobil: Wo, bitte, geht’s zum nächsten Krieg?

Im Görlitzer Anzeiger:
Randy Braumann – immer wieder mal erwähnt

Kaufen und lesen!

    • Ach los, Scheiß der Hund drauf!
      Das Leben des Stern-Kriegsreporters Randy Braumann.
      Von Peter Chemnitz.
      Erschienen beim Weltbuch-Verlag, Dresden 2013, ISBN 978-3-938706-43-5.
      Bestellung beispielsweise bei Weltbuch.

    • By the way:
      Cuba mi amor
      Von Peter Chemnitz.
      Das ist Kuba aus (fast) erster Hand: Chemnitz ist mit einer Kubanerin verheiratet und immer wieder auf der Revolutionsinsel. Sein aktueller Bildband (2015) ist ein Alltagsspiegel der kubanischen Realität: Lebenfreude, Entbehrungen und Improvisationen.
      Herausgeber: Alexander Atanassow
      208 Seiten mit 215 Farbfotos,
      27 x 24 cm, Festeinband, Fadenheftung,
      ISBN 978-3-9815797-2-7
      Erschienen im Kunstblatt-Verlag Dresden ist der Band beispielsweise dort online sowie im Buchhandel im Tausch gegen 29,95 Euro erhältlich.

    Bitte vergessen Sie den örtlichen Buchhandel nicht.

    Nachsatz:
    Bei der Beschäftigung mit Randy Braumann stiegen mir Parallelen zu Simmels Romanfigur des Thomas Lieven hoch ("Es muss nicht immer Kaviar sein"). Begegnungen mit Mächtigen, Frauen und Genuss - mit einem markanten Unterschied: Wo Lieven immer wieder unfreiwillig hineingezogen wurde ist es das, wonach es Braumann Zeit seiner Kriegsjournalistenzeit drängte. Die Welt wäre ärmer ohne solche Typen, ohne Leute, die berichten können, wie sie es selbst erlebt haben.

    Gesagt werden muss noch, dass Randy Braumann sich auch karitativ betätigt, so gehörte er zu den Gründern des Kinderhilfswerks Dritte Welt e.V.

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  • Quelle: Thomas Beier | Foto: © Görlitzer Anzeiger
  • Erstellt am 21.09.2015 - 18:26Uhr | Zuletzt geändert am 24.11.2020 - 09:39Uhr
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