Görlitzer Eisenbahngeschichte – für immer verloren?
Görlitz, 8. Juli 2015. Von Thomas Beier. Nein, die angebeteten Fördermittel will er gar nicht - nur einen möglichst kostenfreien Raum, um sein auch verkehrswissenschaftlichen Ansprüchen genügendes, nach Originalplänen nachgebautes über 30 Meter langes "Modell des Görlitzer Eisenbahnwesens um 1917" vollenden und der Öffentlichkeit zugänglich machen zu können. Ingo Wobst aus Görlitz muss inzwischen jedoch um sein Werk fürchten, weil die Ansprechpartner, an die man sich in solchen Fällen so wendet - von Oberbürgermeister und Landrat bis hin zu Wirtschaftsförderern - nur vertrösten und weiterverweisen.
Gefagt: Ein Mäzen oder wenigstens ein kostenfreier Raum

Allein der CDU-Bundestagsabgeordnete Michael Kretschmer scheint erkannt zu haben, welches wissenschaftliches und vor allem touristisches Potenzial die historisch bis ins winzigste Detail getreue Anlage birgt und steht ihm zur Seite, so der Eindruck von Wobst.
Doch die Zeit arbeitet gegen Wobst und sein Werk: Die Anlage, die 2017 zum 170-jährigen Jubiläum der Streckenvollendung Dresden–Görlitz–Breslau in Breslau (Wrocław) gezeigt werden soll, ist zur Zeit in einem Dorf eingelagert und akut von Feuchtigkeit bedroht. "Zum Glück habe ich die Platten eingeölt, sonst wäre die Anlage wohl schon verloren", schildert Ingo Wobst. Einige der Gebäude, exakt nach den im Bauarchiv lagernden Plänen nachgebaut, sind einzeln verpackt und lagern in einer Wohnung.
Die Vorstellungen von Wobst gehen in Richtung einer Ausstellung, die mehr zeigt als die faszinierende Anlage mit ihrer rollenden Momentaufnahme aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, mit Militärzug und Gebäuden, wie sie damals aussahen: "Ich habe noch Inventar aus dem ursprünglichen Görlitzer Bahnhof, das die Anlage weiter illustrieren würde."
Benötigt wird ein Raum, der im Idealfall etwa 60, mindestens aber 40 Meter lang ist und ungefähr acht bis zehn Meter breit. Wobst hofft nun auf einen Eisenbahnfreund, der als Mäzen das Vorhaben unterstützt. Wobst: "Hier geht es nicht um die Dimensionen einer Altstadtmillion, sondern um einen geeigneten Raum, den ich mir gegebenenfalls auf eigene Kosten herrichten würde."
Das Görlitzer Neißeviadukt - immerhin eine der größten und ältesten deutschen Eisenbahnbrücken - ist ebenfalls Bestandteil der beeindruckenden Anlage.
Das 472 Meter lange Bauwerk war 1847 der letzte Lückenschluss der Eisenverbindung zwischen Dresden und Breslau.
Vorstellbar wäre für Wobst ebenso, die Hirschwinkel-Turnhalle zu nutzen. Doch die will die Stadt wegen der Hochwasserschäden und der bestehende Hochwassergefahr lieber abreißen lassen. Wobst hingegen könnte sich dennoch vorstellen, die Halle in Erbpacht zu übernehmen: "Die Anlage selbst könnte in der Halle hochwassersicher aufgebaut werden." Anders als bei der Nutzung als Turnhalle wären selbst bei weiteren Hochwassern nicht so große Gebäudeschäden zu erwarten, dass sie die Verwendung für die Modellbahnanlage generell auschließen würden, meint Wobst.
Jede Lösung scheint besser, als das Modell der Görlitzer Eisenbahn um 1917 nun auf einem Dorf verrotten zu lassen.
Kommentar:
Ach Görlitz, meine schwierige Liebe: Eine Schönheit, stets im Rausch hoch fliegender Projekte – was zählt da das Naheliegende, der kleine Baustein, der einzelne Enthusiast? Und wie so oft entsteht der Eindruck, dass eine rein private Initiative möglicherweise eher stört. "Fragen Sie mal in zwei Monaten nach", "Wir melden uns, wenn sich was ergibt" – das sind die Trostpflaster, die Ingo Wobst nur zu oft verpasst bekommen hat. Außerdem hat er den Eindruck, dass bestimmte Leute, sie sein Projekt unterstützten, regelrecht "zurückgepfiffen" wurden. Gut, dass sich da wenigstens ein Bundestagsabgeordneter klar positioniert.
Dabei wäre seine Anlage als einzigartiges historisches Anschauungsobjekt nicht nur des Görlitzer Eisenbahnwesens, sondern auch von Görlitz in der ausklingenden Kaiserzeit ein Alleinstellungsmerkmal für die Stadt. Eisenbahnfans sind eine ausgeprägte Szene und erwiesenermaßen reisefreudig. Auch für Familien wäre die Anlage sicherlich eine Attraktion und mehr als eine Fassadenschau.
Breslau hat das erkannt und sich die Anlage für 2017 – übrigens auch das hundertste Jubiläum des zweiten Umbaus des Görlitzer Bahnhofs – gesichert.
Wenn sie dann noch existiert,
hofft Ihr Fritz R. Stänker
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20.09.2013: Görlitzer Eisenbahnjubiläum: Macht Breslau das Rennen?
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- Quelle: Thomas Beier | Kommentar: Fritz R. Stänker | Fotos: © Görlitzer Anzeiger
- Erstellt am 08.07.2015 - 09:46Uhr | Zuletzt geändert am 27.11.2020 - 09:17Uhr
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