Am Neujahrsmorgen: Wer denkt denn da an Müll?

Bild zu Am Neujahrsmorgen: Wer denkt denn da an Müll?Görlitz, 31. Dezember 2022. Von Thomas Beier. Wie beginnt für die allermeisten Görlitzer der Neujahrsmorgen? Nein, nicht der Tagesanbruch um Mitternacht, sondern der, nachdem man endlich zu Bett gegangen ist und sich mehr oder weniger gut ausgeschlafen hat.

Abb.: Böllern ist Privatvergnügen, aber für die Entsorgungskosten des Restmülls muss die Allgemeinheit aufkommen
Foto: Alfred Derks, Pixabay License
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Das Jahr beginnt für viele mit Arbeit – und zwar durchaus vermeidbarer

Wer den Feiertag genießen kann, wird irgendwann vorsichtig seine Knochen in Bewegung setzen, sich am Badspiegel in Augenschein nehmen, vielleicht “Oh mein Gott!” murmeln und sich Minuten später den ersten Kaffee gönnen, um die Lebensgeister zu aktivieren.

Welch Luxus! Andere sind um diese Zeit schon – oder noch immer – am Arbeitsplatz im Einsatz. Die Krankenhäuser müssen in der Silvesternacht extra Personal vorhalten, weil es immer wieder Leute gibt, die Warnungen vor importierten Böllern und überhaupt jegliche Vorsichtshinweise für den Umgang mit Feuerwerk für Theorie halten und größten Wert auf die praktische Erfahrung legen, wie es ist, sich die Hand zerfetzen zu lassen.

Großeinsatz angesagt ist auch für die Stadtreinigung. Längst ist es selbstverständlich geworden, die Reste des privaten Feuerwerks und der Silvesterfeier im öffentlichen Raum zurückzulassen. In Görlitz sorgt die Veolia Umweltservice Ost im Auftrag der Stadt Görlitz für die Straßenreinigung; turnusmäßig findet sie übers Jahr entsprechend des Reinigungsklassenverzeichnisses der geltenden Straßenreinigungssatzung statt.

Entsorgung ist gut, Recycling besser, Müllvermeidung am besten

Überhaupt ist in vielen deutschen Kommunen und Landkreisen die Abfallentsorgung vorbildlich organisiert. Im Landkreis Görlitz steht dahinter der Regiebetrieb Abfallwirtschaft des Landratsamtes Görlitz, der jährlich mit seinem Abfallkalender über bequeme Entsorgungsmöglichkeiten informiert. In vielen Bundesländern – aber auch in einigen europäischen Ländern – steht etwa ALBA mit Sitz in Berlin für ein kundenfreundliches Angebot an nachhaltigen Entsorgungsmöglichkeiten.

Noch recht neu und bemerkenswert ist der ALBA Shop, der nach dem Prinzip “Wo? – Was? – Wieviel?” Abfallarten, Containergrößen und Rahmenbedingungen auch für Laien transparent gemacht werden – “Damit gibt es keine bösen Überraschung”, wie versprochen wird. Erwähnenswert ist dieser Shop aus Sicht des Informatikers, weil hier Informationen vorbildlich aufbereitet und zugänglich sind. Außerdem wird auf das Recycling – eine Frage, die immer mehr Menschen bewegt – eingegangen, statt nur darauf, wie die Abholung organisiert wird.

Nachhaltigkeit als Leitgedanke

Nachhaltige Entsorgungsmöglichkeiten sind ein viel diskutiertes Thema, nicht erst seit 1993 die Technische Anleitung Siedlungsabfall (TASi) und 2001 die Abfallablagerungsverordnung (AbfAblV) zu wirken begannen. So dürfen Siedlungsabfälle mit organischen Bestandteilen seit Juni 2005 nicht mehr auf Deponien abgelagert werden, wenn sich nicht in Müllverbrennungsanlagen oder mechanisch-biologischen Anlagen vorbehandelt wurden. Entsprechend TASi müssen Bioabfälle zudem gesondert erfasst, kompostiert oder vergärt werden.

Umwelt und Wirtschaftlichkeit in Einklang bringen

Die wirtschaftliche Umsetzung der gesetzlichen Vorgaben ist nicht frei von Risiken. So gab es viel Kritik an der Müllverbrennungsanlage in Lauta im Landkreis Bautzen, an die – inzwischen auch – der Regionale Abfallverband Oberlausitz-Niederschlesien seinen Müll liefert. Das Problem: Die Anlage ist schlichtweg überdimensioniert geplant worden, so wie manches nach der deutschen Wiedervereinigung realisierte Infrastrukturprojekt.

Die Stadtreinigung Dresden war das Problem, der TASi gerecht zu werden, womöglich ein wenig schlauer angegangen: Mit dem Anlagenhersteller, der Herhof Umwelttechnik GmbH, wurde im Deponieareal am Stadtrand eine Biologisch-Mechanische Aufbereitungsanlage (BMA) errichtet. Wie das funktioniert, darüber hatte der Görlitzer Anzeiger im Dezember 2019 berichtet. In dieser Anlage wird dem Restmüll alles Verwertbare entzogen, übrig bleibt ein Trockenstabilat® mit dem ungefähr doppelten Brennwert von Rohbraunkohle, in Bezug auf Kohlendioxid übrigens zu fast zwei Dritteln klimaneutral.

Deutschlandpremiere in Dresden: der Restmüll wird vollständig verwertet

Mit dieser im Jahr 2001 in Betrieb genommenen Anlage, die den gesamten Restabfall aus allen Dresdner Haushalten und hausmüllähnlichen Gewerbeabfall verwertet, können – damals eine Neuheit für Deutschland – alle aus dem Müll entstehenden Stoffe restlos verwertet werden. Damit entfällt nicht nur die Deponierung von Restmüll, denkbar ist sogar, alte Deponien als Rohstoffquellen zu erschließen.

Müllvermeidung beginnt in der Herstellung und beim Konsum

Ausgereifte Entsorgungssysteme sind kein Freibrief dafür, nach Belieben Müll zu erzeugen. Geht es um Müllvermeidung, sind vor allem Hersteller und Verbraucher in der Verantwortung. Auf Seiten der Hersteller von Produkten, die in den Handel gelangen, steht die Absicht im Mittelpunkt, Geld zu verdienen. Erzeugt werden also Waren, für die der Verbraucher bereit ist, Geld auszugeben. Dazu gehören auch Wegwerfprodukte, die oft gar nicht recycelt werden und so letztendlich Ressourcen verschwenden und schlimmstenfalls die Umwelt belasten. Typisch dafür sind elektronische Spaßartikel, die oft nach kurzem Gebrauch im Müll landen.

Dem entgegentreten kann nur der Gesetzgeber, wenn er das Inverkehrbringen solcher Waren verbietet. Eigentlich ausschlaggebend könnten aber die Verbraucher sein, wenn sie minderwertige, kurzlebige oder umweltbelastende Erzeugnisse nicht kaufen. Zu den Stichworten gehört es, Plastik zu vermeiden. Hier ist der Gesetzgeber aktiv geworden, etwa durch das Verbot von Trinkhalmen und Wegwerfgeschirr. Allerdings kann der Gesetzgeber nicht in alle Lebensbereiche eindringen und es liegt immer wieder in den Händen der Verbraucher, etwa zu überlegen, ob großvolumiges Plastikspielzeug als fabrikneue Ware gekauft werden muss oder nicht auch als Gebrauchtware seinen Zweck erfüllt.

Widerstreitende Interessen

Der Ruf nach langlebigen und reparierbaren Produkten ist nicht neu. Tatsache ist allerdings, dass hochwertige Produkte ihren Preis haben – einen Preis, der manchen abschreckt. Zudem haben Hersteller unter Umständen gar kein Interesse an Langlebigkeit, sondern vielmehr an den Umsätzen, wie sie hohe Erneuerungsraten mit sich bringen. Neukauf statt Reparatur wird immer wieder schmackhaft gemacht, indem Energieeinsparungen oder schlichtweg die Modernität ins Feld geführt werden. Hingegen sind manche Erzeugnisse nur mit hohem Aufwand oder gar nicht reparierbar.

Man sieht: Handlungsansätze gibt es viele und die Verbraucher müssen jeweils für sich entscheiden, wo ihre Prioritäten legen. Niemand hat jemals behauptet, der Kapitalismus sei frei von Widersprüchen.

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  • Quelle: Thomas Beier | Foto: Derks24 / Alfred Derks, Pixabay License
  • Erstellt am 31.12.2022 - 00:27Uhr | Zuletzt geändert am 31.12.2022 - 01:11Uhr
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