Der Zoll – wichtig für den Warenverkehr mit den allermeisten Staaten

Bild zu Der Zoll – wichtig für den Warenverkehr mit den allermeisten StaatenGörlitz, 22. Dezember 2020. Von Thomas Beier. Gleich zu Anfang der Neunzigerjahre war ich europaweit mit technischen Waren unterwegs, um diese auf Messen zu präsentieren und dadurch Abnehmer zu finden. Im 30. Jahr der Deutschen Einheit kann man ja mal einige Anekdoten darüber preisgeben, wie man so seine ersten Erfahrungen in Westeuropa im Zustand zwischen dem Schengener Abkommen von 1985 und der Gründung der heutigen Europäischen Union mit dem Vertrag von Maastricht 1992 machte.

Die Waren im Kofferraum und immer unterwegs zu den Kunden – ab 1990 musste der Vertrieb in vielen ostdeutschen Unternehmen neue Wege erschließen
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Dreimal Zoll – drei Erfahrungen

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Auch wenn gern über die vielen Lkw auf den Autobahnen geschimpft wird: Der freie Warenverkehr im europäischen Binnenmarkt ist eine große Errungenschaft
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Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen…*) – im Europa der Nationalstaaten auf jeden Fall von Grenzkontrollen und Zollbeamten, auch wenn sich der Zoll mit seinem breiten Aufgabenspektrum aus Sachen längst teils zurückgezogen hat. Wenn dann noch ostdeutsche Erfahrungswelten aus der Zeit vor 1990 auf westeuropäische Realitäten treffen, wird es schnell amüsant.

Alter Schwede!

Die erste Ausstellugsreise führte mich zu Messen in Stockholm, Oslo und Helsinki. Die Waren und das Reisegepäck im Opel Kadett verstaut ging’s los, zuerst mit der Fähre nach Schweden. Im Kieler Hafen zwei Fahrspuren: Grün – nicht zu verzollen, Rot – zu verzollende Waren dabei.

Nun muss man erklären, dass der gelernte "DDR"-Bürger auch an den Grenzen zu den damaligen sozialistischen Bruderländern behandelt wurde wie eine Mischung aus schlecht dressiertem Affen und Schwerverbecher; ich wurde regelmäßig gefilzt. Beliebt war das Ausbauen der Türverkleidung des Trabis, um die Hohlräume hinter der Pappverkleidung zu inspizieren. Man bekam diese dann – natürlich selbst zu erledigen – nie wieder fest eingebaut, weil sich die Haltefedern beim Ausbau aufbogen, nach der Zollkontrolle klapperte die Kiste noch höllischer als vorher. Grenzpolizei und Zoll hatten also eine gewisse Bedeutung für die Ossis.

Nun also in Kiel die Sekunde der Entscheidung: War das Messegut zu verzollen oder nicht? Bloß nichts falsch machen, rote Spur also. Zwei schwedische Uniformierte schauten sich meine aus dem Autofenster gereichten Warenpapiere an, schüttelten mit einem Grinsen, das ich nie vergessen werde, den Kopf und winkten mich durch auf das Schiff. Puh.

Tief im Wald zwischen Schweden und Norwegen

Nach der Messe in Stockholm ging die Reise – mit Zwischenstopp auf Schloss Gripsholm, dem Ort der 1931 erschienenen Geschichte einer Sommerliebe von Kurt Tucholsky – weiter nach Oslo. Den Grenzposten zwischen Schweden und Norwwegen muss man sich vorstellen wie in einem Wintermärchen: Im tief verschneiten Wald rechts der Straße ein Holzhaus, aus dem Licht und fröhliche Stimmen dringen. Grenze! Also halt. "Machen Sie den Motor aus!", brauchte keiner zu sagen, das steckte noch drin tief im Blut. Endlose Minuten, fünf, zehn, fünfzehn… keiner kam. Plötzlich begriff ich, wie dieser Westen, diese neue Welt, funktionierte: Die Grenzer wollten gar nicht gestört werden, über mein Gesicht huschte ein Grinsen, Motor an und los gings: Grenzen waren für mich seitdem auch nicht mehr, was sie mal waren.

Raus raus der EU, rein in die EU

1991 führte mich eine Messe in die Schweiz, nach Zürich, im Gepäck ein Gerät, das gefühlt aus hunderten Einzel- und Zubehörteilen bestand. Zweimal gings für diese Messe nach Zürich, damals eine fremde Welt. Auf dem Bahnhof musste man über die Junkies steigen und am Limmatquai schien alles käuflich, was auf dieser Welt für Geld zu haben ist. Den Abschied aus der Schweiz bereitete mir jedoch eine markante Dame vom Zoll, durchtrainiert, kurzhaarig, konsequent. Sie entwickelte den Ehrgeiz, all meine mitgeführten Teile, hunderte also, auf irgend einem Stück Papier wiederzufinden. Wenn ich doch nur selbst den Durchblick gehabt hätte! Erst nach zweieinhalb Stunden gestand sie sich offenbar die Aussichtslosigkeit ihres Vorhabens ein, wenn auch nur innerlich. Jedenfalls war ich seitdem nie wieder geschäftlich in der Schweiz, man hat ja so seine Erfahrungen.

Und heute?

Grenz- und Zollkontrollen sind innerhalb der EU heutzutage – Gott sei Dank! – im Grundsatz nicht mehr vorstellbar. Privatpersonen und Unternehmen genießen die Reisefreiheit, die Freizügigkeit und den Binnenmarkt – und es hat beileibe nicht lange gedauert, bis das alles als höchst selbstverständlich angesehen wurde. Staatsgrenzen als Trennlinien sind für viele heute schlichtweg nicht mehr vorstellbar, heute verbinden sie die Staaten Europas.

Und dennoch gibt es sie, die Grenz- und Zollkontrollen. Bemerkbar machen sie sich vor allem beim Reise- und Warenverkehr in Nicht-EU-Länder oder in der Gegenrichtung. Erinnern wird sich mancher daran, falls der harte Brexit, wie es nun aussieht, Wirklichkeit wird: Komplizierte Zollbestimmungen drohen, nicht minder kompliziert die dann auszufüllenden Formulare und zu beachtenden Bestimmungen. Wer sich noch an Vor-EU-Zeiten erinnert: Die Zollabwicklung beim Import wie auch beim Export war ohne spezialisierte Dienstleister kaum zu realisieren.

Solche Zolldienstleister helfen Unternehmen aller Größenordnungen, weltweit ein- und verkaufen zu können – Möglichkeiten, die oftmals noch viel zu wenig genutzt werden. Allerdings haben auch innereuropäisch noch viele Unternehmen eine gewisse Scheu, sich die Möglichkeiten des europäischen Binnenmarktes als ganz selbstverständlich zu erschließen.

*) Das von Ludwig van Beethoven vertonte Gedicht "Urians Reise um die Welt" von Matthias Claudius (1740-1815) beginnt so:

Wenn einer eine Reise tut,
dann kann er was erzählen.
Drum nähme ich den Stock und Hut
und tät das Reisen wählen.


Den gesamten Text mit seinen 14 heiteren Strophen kann man hier nachlesen.

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  • Quelle: Thomas Beier | Fotos: © BeierMedia.de
  • Erstellt am 22.12.2020 - 07:03Uhr | Zuletzt geändert am 20.01.2021 - 19:10Uhr
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