Projektberatung zum "Kaufhaus Görlitz"
Görlitz, 1. Oktober 2014. Die Reanimation des Görlitzer Jugendstil-Kaufhauses (das streng genommen dem Historismus zuzurechnen ist) kommt näher: Auf einer von Oberbürgermeister Siegfried Deinege organisierten Projektberatung haben sich die Stadt Görlitz und das Team um Prof. Dr. med. Winfried Stöcker, den Eigentümer des Hauses, zum weiteren Vorgehen abgestimmt.
Bauantrag wird vorbereitet
Gemeinsam mit dem Prof. Stöcker Projektteam saßen Vertreter der Görlitzer Stadtverwaltungsämter, die maßgeblich an den Genehmigungsverfahren rund um das zukünftige "Kaufhaus Görlitz" beteiligt sein werden, am Tisch. Auch Wirtschaftsförderungschef Thomas Klatte war auf dem mit Prof. Stöcker im Vorfeld abgestimmten Treffen dabei.
Das Anliegen der Runde verdeutlichte Oberbürgermeister Deinege: "Um einen guten Start des Projektes zu gewährleisten, war es aus meiner Sicht sehr wichtig, unsere Verwaltung frühzeitig mit dem Projektteam des Kaufhauses zusammenzubringen. So können wir auf einer einheitlichen Informationsbasis wichtige Punkte im Vorfeld klären, die den Inhalt des zukünftigen Bauantrages stark prägen werden.“ Entsprechend wurden gemeinsam Aufgaben, Themen und Verantwortlichkeiten definiert, die zur Vorbereitung eines Bauantrages bearbeitet werden, damit der Antrag nur genehmigungsfähige Planungen enthält und zügig durch die Verwaltungsstuben gereicht werden kann.
Ein Thema waren die Möglichkeiten, die zukünftige Verkaufsfläche in den Unter- und Obergeschossen zu erweitern. Auch die Frage nach Parkplätzen und die zukünftige Verkehrsführung kame auf den Tisch. "Sobald das Projektteam beurteilungsfähige Unterlagen zu den besprochenen Punkten geliefert hat, werden die zuständigen Ämter sich damit befassen", teilte das Büro des Oberbürgermeisters mit. Die Ergebnisse der Prüfung werden dann die Grundlage für den Bauantrag des Investors sein. "Mit dieser Verfahrensweise sind wir auf dem richtigen Weg und vermeiden unnötig lange Antragsbearbeitungszeiten", freute sich Oberbürgermeister Siegfried Deinege auf einen zügigen Projektfortschritt.
Investor Stöcker, Gründer und Vorstandsvorsitzender der Euroimmun Medizinische Labordiagnostik AG mit fünf Standorten in Deutschland, hatte das leerstehende Kaufhaus am 21. Juni 2013 gekauft, um es zu sanieren und mit einem umfangreichen und hochwertigen Warensortiment wiederzubeleben. "Mein Ziel ist es", so Prof. Winfried Stöcker, "ein schönes und wirtschaftlich dauerhaft erfolgreiches Kaufhaus zu verwirklichen. Dafür ist eine Vergrößerung der früheren Verkaufsfläche wichtig. Insbesondere sind hierfür die Aktivierung des Kellers sowie ein Anbau an der Rückseite vorgesehen."
Mehr:
www.kaufhaus-goerlitz.eu
Kommentar:
Da dürfte Oberbürgermeister Deinege in seinem Element sein: Als erfahrener früherer Manager des Görlitzer Waggonbauwerkes weiß er, dass man gleich am Anfang die Weichen richtig stellen muss, um späteren enormen Mehraufwand zu vermeiden. Es sieht also ganz danach aus, als ob die Stadt engagiert ihren Beitrag leistet, das Kaufhausprojekt erfolgreich und außerdem mit Tempo zu realisieren.
"Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne" wissen wir von Meister Eckhart (und später von Hermann Hesse) - in Bezug auf das Görlitzer Kaufhaus ist das nicht anders. Unternehmenskonzepte laufen allzu gern Gefahr, von Wünschenswertem und Fantasien, was denn alles sein könnte, der Realität enthoben zu werden. Auf der oben verlinkten Webseite ist zum Kaufhauskonzept u.a. zu erfahren: "Hochwertige Qualität und gute, bezahlbare Produkte, auch regionale, bilden die Grundphilosophie. Dazu eine ordentliche Prise Einkaufserlebnis (...)" Frische Lebensmittel, regionale Produkte, hervorragende Gastronomie, Designer und Feinkost, Kinderland, Spielzeug, "Männerland" (nanu?), hochwertige Qualität und Aktionen, häufige Veranstaltungen etc. pp. - irgendwie erinnert das an die eierlegende Wollmilchsau - oder andersrum: wer alles will, bekommt nichts. Allein die Definition von "gute, bezahlbare Produkte" ist eine Dissertation wert.
Um das Gebäude, wie angestrebt, wirtschaft dauerhaft erfolgreich zu betreiben, muss ein gewisser Mindestumsatz pro Quadratmeter Verkaufsfläche erzielt werden. Reichen diese Einnahmen - beim vorgesehenen Shop-in-Shop Prinzip wohl als aus dem Umsatz an den Kaufhausbetreiber zu zahlende Miete - nicht aus, muss mehr Verkaufsfläche her, die jedoch der Nachfrage vor Ort angemessen sein muss. Wer diese schwierige Optimierung vornimmt, muss in Görlitz eher mit weichen Faktoren als mit Statistiken und Branchenvergleichszahlen kalkulieren, um grundlegende Fragen zu beantworten: Wie viele der Kaufhausbesucher kaufen wirklich aus einem hochwertigen und damit automatisch nicht billigen Sortiment, wie viele kommen nur zum Gucken? Und wieviel Geld lassen die Kunden unterm Strich in den Kassen klingen?
Das Shop-in-Shop System bringt den Vorteil mit sich, sich als Warenhausbetreiber nicht selbst um den Einkauf - sprich Warenbeschaffung - kümmern zu müssen. Es ist ein verbreiteter Irrtum, dass Lieferanten nur darauf warten, liefern zu dürfen: Deren Überlegungen zur Markenpflege, zu Vertriebswegen, zu Mindestabnahmemengen und sonstigen Konditionen haben schon so manchen Einzelhändler ernüchtert. Den Shopbetreibern im zukünftigen Kaufhaus dürfte das nicht anders gehen. Praktische Folge zum Beispiel: Wenn, wie vorgesehen, zwei Etagen mit Damen- und Herrenbekleidung gefüllt werden sollen, wird es schwierig werden, Einzelhändler im Spagat zwischen Filialisten (umgangssprachlich gern als Billigketten bezeichnet) und Edelboutiquen zu finden, die sich einmieten (und damit vielleicht auch noch auf ein Geschäft in guter Lauflage oder mit direktem Parkplatzzugang verzichten).
Die Bezeichnung "Kaufhaus Görlitz" profitiert vom Image, dass sich die Stadt überregional als architektonisches Juwel erworben hat. Ein - wie ursprünglich angedacht - "Kaufhaus der Oberlausitz" hätte, bei aller Heimatliebe, keine Anziehungskraft entfaltet. Oder würden Sie ins Kaufhaus des Vogtlands nach Plauen fahren? Allerdings: Ein KdO, ein "Kaufhaus des Ostens" als schönstes Kaufhaus der Welt und Pendant zum größten europäischen Kaufhaus, dem KaDeWe Kaufhaus des Westens in Berlin, hätte Charme, scheitert allerdings daran, dass "der Osten" in Deutschland wohl weiter eher negativ assoziiert wird.
Das sanierte "Kaufhaus Görltz" wird für die Görlitzer die Nagelprobe in Bezug auf ihre Stadthalle sein: Dient die Sanierung nur der Pflege wehmütiger Erinnerungen oder entsteht eine lebendige Einrichtung, in der auch Geld gelassen wird?
Dem Investor ist für seinen Mut zu danken und ihm und seinem Team immer ein glückliches Händchen zu wünschen, damit die Vorstellungen Erfüllung finden und die Görlitzer samst Gästen ihr Kaufhaus wieder in Besitz nehmen können, meint
Ihr Thomas Beier



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- Quelle: red | Foto: © Görlitzer Anzeiger
- Erstellt am 01.10.2014 - 05:10Uhr | Zuletzt geändert am 01.08.2021 - 14:30Uhr
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