Manege frei zur Trainingsstunde

Hörnitz. Ehe man auf Kugeln laufen, Hochrad fahren oder mit Feuerpois jonglieren kann, ist eine Menge hartnäckiges Training nötig. Das wissen auch die Mitglieder des Kinder- und Jugendzirkus „Applaudino“ in Hörnitz. Wenn sie für ihre Shows trainieren, dürfen aber auch zwei andere Dinge auf keinen Fall fehlen: viel Spaß am Üben und eine gehörige Portion Experimentierfreude. Ein Blick hinter die Zirkuskulissen.

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Mit "Applaudino" durch die ganze Oberlausitz

Das Diabolo rotiert. Sein leises Surren geht in dem lauten Gekicher, das von den Turnhallenwänden widerschallt, fast unter. Eine Gruppe Mädchen trippelt lachend auf großen Bällen herum, andere proben auf Matten Handstand, Rad und akrobatische Figuren. Im vorderen Teil der Hörnitzer Turnhalle fixieren Jugendliche konzentriert Ringe oder Kegel, mit denen sie das Jonglieren üben. Durch das Gewusel der Menschen hindurch saust ein Mädchen auf dem Hochrad und zwei Einradfahrer jagen einander laut rufend in der Halle.

Der junge Diabolospieler am Rand der Turnhalle schwingt die Stöcke in seiner Hand, als würde er auf einem unsichtbaren Schlagzeug spielen, um das Jongliergerät am Laufen zu halten. Mit einem kräftigen Ruck zerrt er blitzartig die Stöcke auseinander, die Schnur spannt sich und das Diabolo saust in die Höhe. Macht kehrt und wird von der gestrafften Schnur wieder nach oben gefedert. Beim dritten Mal schließlich so weit, dass das Diabolo gegen die Hallendecke kracht. „Josef - nicht so raumgreifend sein beim Diabolo spielen“, ermahnt Trainingsleiter Tobias Richter leicht belustigt.

Josef trainiert das Jonglieren mit dem Diabolo schon seit sechs Jahren. Noch nicht ganz so lang ist er auch eines der 30 Mitglieder beim Kinder- und Jugendzirkus „Applaudino“. Die Zirkuskinder sind zwischen 10 und 18 Jahre alt und kommen aus allen Ecken der Region, sei es aus Zittau, Herrnhut, Ostritz oder Mittelherwigsdorf. Denn mit seinem Programm tourt „Applaudino“ durch die gesamte Oberlausitz. Von Kirmes zu Kirmes und von Schulfest zu Schulfest. „Ich hab' damals einen Auftritt beim Zittauer Spectaculum gesehen“, erzählt die kleine Akrobatin Anne. „Dann hab ich mich eben umgehört, ob ich hier auch mitmachen kann.“ Mittlerweile ist sie schon das sechste Jahr beim Kinderzirkus dabei. Dabei hat der Hörnitzer Gemeinde- und Religionspädagoge Tobias Richter erst vor fast sieben Jahren das Projekt, aus einer sehr erfolgreichen Ferienrüstzeit hinaus, gestartet. „Einige sind bereits von Anfang an dabei gewesen. Es braucht aber auch Zeit, bis man auf Kugeln laufen oder Einrad fahren kann“, sagt Richter. Es sei eher die Ausnahme, dass man erst als Jugendlicher im Zirkus anfangen würde.

„Rebekka - bist du eigentlich schon einmal gesprungen?“, fragt Trainer Richter ein Mädchen, das sich mit flinken Rückwärtsschritten erfolgreich auf der großen, blauen Kugel hält. „Nee, aber das ist doch bestimmt voll schwer?“, antwortet das Mädchen, während der Trainer bereits einen Helfer zu sich heranwinkt. Rebekka (15) ist so eine Ausnahme. Sie hat mit Zirkus erst vor zwei Jahren angefangen, da ihre große Schwester sie dafür begeistern konnte. Seitdem übt sie das Kugellaufen und ist in der Akrobatikgruppe.

„Jetzt spring erstmal normal runter. Mit beiden Beinen aufkommen ist ganz wichtig, weißte ja“, erklärt Tobias Richter noch einmal. Mit einem dumpfen „Plumps“ landet Rebekka auf der beigen Hallenmatte. „Noch ein bisschen weiterspringen“, sagt Tobias Richter, den die Kinder und Jugendlichen alle nur beim Vornamen nennen. Dann rollt er eine zweite, rote Kugel ganz nah an die, auf der Rebekka steht, und er und sein Helfer breiten die Arme neben dem Mädchen aus. Nur falls sie fallen sollte. Einen Moment tippelt Rebekka noch auf ihrer Kugel herum und fixiert den zweiten Ball. Atmet noch einmal tief durch. Platsch. Ihre nackten Füße klatschen auf das rote Plastik der zweiten Kugel. Eilig beginnt sie wieder kleine Rückwärtsschritte zu machen, um nicht herunterzufallen. Tobias Richter stützt mit seiner Hand leicht ihren Rücken. „Das war schon ganz gut“, sagt er grinsend und rollt die blaue Kugel wieder auf ihre Ausgangsposition. Rebekka hüpft wieder zurück. Blau. Rot. Blau. Rot. Schließlich entlässt der Trainer den Helfer und Rebekkas Zahnspange kommt zum Vorschein. Sie strahlt. Hüpft munter immer wieder zwischen den Kugeln hin und her. Plötzlich strauchelt sie und hüpft vorsichtshalber gleich zum Boden. „Das war ne so gut“, kommentiert sie selbst und steigt wieder auf die blaue Kugel. Weiter geht’s.

Jeden Montag treffen sich die „Applaudino“- Kinder in der Hörnitzer Turnhalle neben dem Jugendclub, um ihre Nummern zu üben oder sich neue zu überlegen. Alle Mitglieder sind in drei Gruppen eingeteilt. Zuerst übt Tobias Richter mit den Jüngeren zwischen 10 und 13 Jahren Beweglichkeit und Grundlagen wie das Jonglieren mit Bällen oder das Schwingen von Pois. Die jungen Zirkuskinder werden von einer Akrobatik- und Seiltanzgruppe abgelöst, die nur aus Mädchen besteht. Zuletzt dürfen die älteren Zirkusmitglieder trainieren, wobei jeder selbst bestimmt, was ihn interessiert und was er üben will. Besonders im Winter achtet der Trainer darauf, dass auch neue Tricks ausprobiert werden. Denn über den Sommer – ihre Auftrittszeit – sind die Zirkuskinder vor allem damit beschäftigt, ihre Nummern immer und immer wieder durchzugehen. „Im März haben wir ein ganzes Wochenende lang Trainingswochenende. Bei dem werden die einzelnen Nummern festgelegt und das Gesamtprogramm zusammengestellt.“ Circa 90 Minuten dauert das gesamte Programm des Kinder- und Jugendzirkus mit Themen wie „Applaudino in Schweden“. „Aber in letzter Zeit sind wir immer mehr dazu übergegangen, nur Teile vorzuführen. Entweder die Großen zeigen ihre Show oder nur die Jüngeren treten auf.“, sagt Tobias Richter. Denn seit zwei Jahren haben die Älteren eine spezielle Feuershow, die wirklich nur von erfahrenen Zirkusmitgliedern gezeigt werden kann und beim Publikum besonders beliebt ist.

Vorsichtig schiebt sich ein Fuß auf das dicke Metallseil, dass sich circa einen halben Meter über dem Boden spannt. Sacht setzt das Mädchen ihren zweiten Fuß auf. Das Seil beginnt sich zu senken. Bei jedem Schritt winken ihre Arme mit. Links, Rechts. Dann macht sie einen Ausfallschritt, schabt den dünnen Turnschuh immer weiter auf dem Seil nach vorn. Ganz langsam sinkt sie mit ihrem Knie Richtung Seil. Ihr Körper neigt sich immer weiter seitlich. „Kämpfen, kämpfen“, ermutigt Tobias Richter und hält seine Arme bereit, um das Mädchen notfalls aufzufangen. Doch sie fängt sich wieder, geht wieder in den Stand und tanzt mit gebremster Eile weiter über das Seil.

„Patsch patsch patsch“, dröhnt es aus der anderen Ecke der Halle, kombiniert mit einem lauten Lachen von einem zweiten Mädchen - Anne. Ihre Füße klatschen wieder und wieder auf die Kugel, auf der sie steht. Fröhlich hüpft sie auf und ab. Ihre geflochtenen Zöpfe wippen im Takt mit. In ihren Händen hält sie ein blaues Seil und springt langsam immer wieder darüber. Tobias Richter schaut ihr eine Weile lang zu. Plötzlich ruft er: „Mädel, pass auf! Rückwärts – du bist doch nicht mehr gescheit!“ Anne lacht. „Ich kann das, guck mal.“, sagt sie und hüpft weiter. „Oje Applaudino pubertiert“, seufzt Trainer Tobias Richter resignierend. Schließlich lässt Anne das Springseil fallen und krallt sich die Jonglierbälle. Ihre Augen achten gar nicht mehr darauf, was ihre Füße auf der großen Kugel machen, sondern hängen an den kleinen Plastikbällen, um ja keinen zu verlieren.

„Viele Tricks müssen die Kinder auch zu Hause immer wieder üben. Das ist schon eine Frage der Eigenmotivation. Bevor man zum Beispiel Feuertricks machen kann, muss man viele Jahre trainieren“, sagt Trainer Tobias Richter. Um den Kindern das viele Training zu ermöglichen, üben sie nicht nur jeden Montag in der Turnhalle Hörnitz, sondern können sich auch viele Geräte wie beispielsweise Einräder oder Diabolos ausborgen. In den Sommerferien bietet der Trainer und Organisator auch weiterhin eine Rüstzeit für alle interessierten Kinder und Jugendlichen an. Zehn Tage lang dreht sich bei rund 45 Kindern dann alles um das Thema Zirkus. Unterstützt wird Tobias Richter dabei von Helfern wie Eltern oder alten Zirkusmitgliedern. Für die Mitgliedschaft im Zirkus und das Nutzen von den Geräten zahlen die Kinder einen Beitrag von 10 Euro im Jahr. Bei einigen Auftritten gibt es aber auch kleine Geschenke für die Zirkuskinder oder Trinkgeld, welches dem gesamten Projekt zugute kommt.

Am Ende der Trainingsstunde rotten sich die Kinder in der Mitte der Halle zusammen. Wie ein Team Fußballer kurz vor Beginn des Spieles, bilden sie einen engen Kreis, die Arme in die Mitte gestreckt. Tobias Richter ergreift das Wort: „Aaaaaaaa...“, setzt er an und die Kinder grölen es mit. Ihre Finger wedeln in der Luft herum als tippten sie auf einer Computertastatur. Der Trainer reißt die Arme nach oben. Eine Laola. „Applaudino!“, schreien die Zirkusmitglieder. „Applaudino!“ zum zweiten Mal. Und zum Dritten. Sie setzen noch einmal an „Und tschüss!“, brüllen sie und stoben lachend auseinander.


Hingehen!
Nächster Auftritt vom Kinder- und Jugendzirkus „Applaudino“:
Sonnabend, 7. November 2009, auf der Kirmes Strahwalde

Melden!

Interessierte Kinder kommen zu den Trainingszeiten in die Hörnitzer Turnhalle (neben dem Jugendclub, Straße der Jugend):
Montag 16.15 Uhr für Kinder ab 9 Jahre, 17.15 Uhr Akrobatik und Balance, 18.30 bis 20 Uhr für Teenager ab 13 Jahre

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  • Quelle: /Romy Ebert | Fotos: /Tobias Richter
  • Erstellt am 10.10.2009 - 02:11Uhr | Zuletzt geändert am 10.10.2009 - 02:27Uhr
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