Görlitz und seine Altstadtmillionen

Görlitz, 6. Juli 2017. Über 20 Jahre lang hat das an Baudenkmalen reiche und an Geld eher klamme Görlitz die sogenannte "Altstadtmillion" von einem unerkannt bleibend wollenden Gönner oder einer huldvollen Gönnerin geschenkt bekommen und über eine eigens gegründete Altstadtstiftung wohl zum Wohlgefallen des Spenders verwendet, sonst wäre der warme Regen sicherlich eher versiegt. 2016 kam die letzte Zahlung – vielleicht war es ja die Niedrigzinspolitik, die den Geldhahn für die Denkmalsanierung und Nebenaufgaben zugedreht hat. Mit einer Ausstellung "Das Wunder der Görlitzer Altstadtmillionen" hält das Kulturhistorische Museum der Neißestadt nun Rückblick.

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Richtigerweise – und auch das dürfte im Sinne des Spenders sein – klappert die Stadt mit dem Erreichten, den weitgehend sanierten knapp 4.000 Baudenkmalen, um Besucher aus der ganzen Welt anzulocken. Die Ausstellung im Kaisertrutz dürfte durchaus Öl ins Feuer des Stadtmarketings gießen.

In diesem Sinne hat das Kulturhistorische Museum gemeinsam mit der Länderbahn (trilex) wieder eine Aktion gestartet, die sich für die Dauer der Ausstellung an Zugreisende richtet. Dazu schreibt Kerstin Gosewisch von den Görlitzer Sammlungen für Geschichte und Kultur in einer Mitteilung: "Wunder gibt es immer wieder, verheißt ein Schlager aus den siebziger Jahren. Haben Sie es schon entdeckt? 'Das Wunder der Görlitzer Altstadtmillion' ist jetzt als Plakat auch im trilex dabei. Nach dem 'Blickfang Görlitz' 2016 macht Die Länderbahn/Trilex in den Zügen aktuell auf die neue Sonderausstellung der Görlitzer Sammlungen aufmerksam. In diesem Jahr dreht sich alles um die umgerechnet ca. 1.000.000 DM, die ein unbekannter Gönner jedes Jahr und über 20 Jahre lang der Stadt Görlitz geschenkt hat. Viele Maßnahmen zum Erhalt der Görlitzer Denkmale wurden mit diesem Geld unterstützt, die Ausstellung gibt diesen Projekten Platz und erzählt die Geschichte von der 'Altstadtmillion' und Menschen, die damit Erfahrung sammeln konnten."

Im Klartrext: Alle Fahrgäste mit einem gültigen trilex-Tagesticket sind herzlich eingeladen, die Sonderausstellung zu besuchen. Bei Vorlage eines gültigen Tickets kostet die Eintrittskarte nur eine Million, Quatsch, einen Euro anstelle der regulären dreíeinhalb Euro. Trittbrettfahrer sind willkommen, denn auch alle auf dem Ticket Mitfahrenden können dieses Angebot nutzen. Kerstin Gosewisch empfiehlt: "Dieses Wunder sollten Sie sich keinesfalls entgehen lassen!"

Gut zu wissen:

  • Die Aktion gilt bis zum 31. Oktober 2017
  • Der Kaisertrutz (Platz des 17. Juni 1, 02826 Görlitz) ist dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr, freitags bis 20 Uhr geöffnet.
  • Der direkte Draht zur Ausstellung: Tel. 03581 - 67-420


Kommentar:

Ja, ja, Wunder gescheh'n... Görlitz darf wirklich dankbar sein für das viele Geld und ist es auch zutiefst.

Mich hat – ganz im Gegenteil zur Annahme, dass Wunder vorkommen – nur eine Handvoll Bücher geprägt. Das, an das ich jetzt denke, ist das von Cord Christian Troebst verfasste "Auf Wunder ist kein Verlass". Es beschreibt, wie Menschen in scheinbar ausweglose Situationen geraten und dort überleben oder mangels Wissen und Phantasie eben nicht.

Auf das Wunder der Görlitzer Altstadtmillion war auch kein Verlass. Jedes Jahr wartete man auf die erlösende Meldung: Sie ist eingetroffen! Vielleicht hat es ja auch positive Aspekte, dass die Altstadtmillion nunmehr ausbleibt. Fördermittel sind ein wenig wie eine Droge,schnell gewöhnt man sich daran und ehe man sich's versieht, ist die Abhängigkeit da.

Ganz davon abgesehen: Ein Denkmal muss nicht hochglanzsaniert daherkommen, als sei es beim Schönheitschirurgen zum Spachteln und Lackieren gewesen, sondern darf durchaus Gebrauchsspuren aufweisen – es soll ja was erzählen aus den Zeiten, die es erlebt hat. Wer fährt schon nach Lego-Town?

So verliert die Stadt beispielsweise mit dem Bonehaus auf dem Obermarkt 26 wohl das letzte authentische Denkmal dafür, wie die SED-Genossen unter Führung ihrer Partei mit der Bausubstanz der Stadt umgegangen sind und mit der perfekt sanierten neuen Synagoge weitestgehend die Spuren der Zeit von 1933 bis 1989.

Denk mal,

meint Ihr Thomas Beier

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  • Quelle: red | Kommentar: Thomas Beier | Grafik: © Kulturhistorisches Museum, Foto: © Görlitzer Anzeiger
  • Erstellt am 05.07.2017 - 21:58Uhr | Zuletzt geändert am 05.07.2017 - 23:33Uhr
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