"Die Gärtnerin von Versailles" - was Kino über Mode erzählt
Görlitz, 16. Oktober 2015. Von Fritz R. Stänker. Die Görlitzer Kinoszene zählt drei Häuser: Mit dem Filmpalast Görlitz ein "großes" Multiplex-Kino, hinzu kommen die Camillo Kino Kneipe, die zugleich eine der Görlitzer Kleinkunstbühnen ist, und das Offkino Klappe die Zweite, das sich als "familiäres Kino mit Café und Snacks" und gelegentlich ebenfalls als Bühne versteht. Letzteres zu besuchen hatte ich neulich das Vergnügen. Ziel war es, gemeinsam mit einem guten Freund, der zu Besuch in Görlitz war, einen Sonntagabend rumzukriegen und Kino erschien als eine der naheliegenden Gestaltungsmöglichkeiten, die bleiben, wenn die Gesprächsthemen schon alle sind, aber noch Zeit übrig ist.
Auf die heutigen Verwandlungsmöglichkeiten könnten die Hofdamen des Sonnenkönigs nur neidisch sein

Vorweg: Das Offkino Klappe die Zweite spielte die Vorteile eines Clubkinos aus: Entspannt ankommen, in angenehmer Atmosphäre was trinken und dann rein in den Kinosaal, der mit seinen 35 Sitzplätzen – da sind zwei Notsitze schon eingerechnet – einen eher gemütlichen Eindruck macht, wozu sicher auch die frei verfügbaren Sitzkissen beitragen.
Doch welch eine Verschwendung! Nur vier Besucher, in der Mehrzahl Damen, waren erschienen, um sich die Liebesgeschichte "Die Gärtnerin von Versailles" (Großbritannien 2014) zu verinnerlichen. Wer mit dem Interesse, Zeuge der sich entwickelnden Liebesgefühlen anderer Leute zu werden, gekommen war, wurde vom Film wie versprochen bedient und mit einem schönen Happy End verabschiedet.
Sagen muss man allerdings, dass der Film ganz wesentlich von den Hauptdarstellern Kate Winslett und Matthias Schoenaerts sowie der opulenten Ausstattung der Personen lebt. Die Story an sich ist eher märchenhaft; obgleich sie mit historischen Fakten arbeitet, sind die Figuren der von Winslett verkörperten Gärtnerin und des Meister genannten königlichen Gartenarchitekten (Schoenaerts) – im Gegensatz zum Sonnenkönig Ludwig XIV. (Alan Rickman) – reine Fantasiegespinste.
Fantasieanregend dagegen ist die aufwändige Mode der damaligen Zeit: Bei den höfischen Damen die an Brust und Rücken tief ausgeschnittenen Kleider mit bauschigen Röcken; bei den Herren des Hofs die im Grunde schon fast wieder modern anmutenden kragenlosen Röcke, die Justaucorps – damals allerdings mit enormen Ärmelaufschlägen und aufgesetzten Taschen.
Interessant ist auch die Geschichte der gewaltigen Perücken, die bei Hofe von den Herren getragen wurden. Lange Haare galten als schick, doch Ludwig XIII. verlor seine Haare in jungen Jahren und führte die Perücke ein, die Ludwig XIV. zur Allongeperücke, deren Kennzeichen der Mittelscheitel und das rückenlange Haar waren, weitergestaltete.
Solche Perücken werden noch heute von Richtern in Großbritannien und in Australien getragen. Sind Perücken sonst aber aus der Mode?
Perücken heute
Die Gründe, Perücken oder Haarteile zu tragen, sind in der modernen Welt höchst unterschiedlich. Vor allem Frauen wollen sich befristet ein völlig anderes Aussehen geben, mal einen ganz anderen Typ verkörpern. Hier sind Perücken gefragt, die gut mit dem Typ und der Kleidung harmonieren oder – je nach Anlass – sogar ein Kontrastprogramm darstellen.
Bei Männern kommt in solchen Fällen eher der Spaßfaktor durch, beispielsweise beim Karneval. Doch auch Männer kennen Aspekte, bei denen die Mode eine gewisse Rolle spielt. Hier sind es oft Haarteile, die den Herren durchaus um Jahre jünger erscheinen lassen können. Wer erinnert sich nicht an den Leipziger Baulöwen Jürgen Schneider?
Manchmal übernehmen sogar Krankenkassen die Kosten für das zweite Haupthaar ganz oder zum großen Teil. Anlass kann beispielsweise eine Chemotherapie sein, bei der die Haare für eine bestimmte Zeit ausfallen.
Doch meist stehen Mode und Schönheit der Damenwelt im Vordergrund, wie die Beispielfotos auf dieser Seite zeigen – da geht es von flippig-bunt über sportlich bis zu romantisch und geschäftlich-seriös. Außerdem findet man Hinweise zu Kunsthaarperücken und Echthaarperücken und zu unterschiedlichen Ausführungen. Im weitesten Sinne kann man zu den Perücken auch Haarfüller und Haarergänzungen wie Scrunchies oder Zöpfe zählen.
Da könnten die Hofdamen des Sonnenkönigs nur neidisch werden: Die trugen damals nämlich gar keine Perücken, sondern gern hochgestecktes lockiges Haar, später auch die von einer Mätresse Ludwigs des XIV. erfundene Fontange, eine von einem Drahtgestell und Bändern gehaltene Frisur, die dem Zweck diente, Dekolleté und Rücken frei sichtbar zu halten. Von der Macht der Mode zeugt, dass mit Hilfe der Fontange extrem hochgesteckte Haare am französischen Hof selbst dann noch rund 20 Haare "in" blieben, als der Sonnenkönig längst die Nase voll davon hatte – hier konnte sich der absolutistische Herrscher nicht durchsetzen.



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- Quelle: red | Foto drei Frauen: ValeskaReon / Valeska Reon (entfernt), Foto Versailles: Ronile, beide Pixabay, Lizenz CC0 Public Domain
- Erstellt am 16.12.2015 - 03:26Uhr | Zuletzt geändert am 11.10.2022 - 11:09Uhr
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