In Zittau und Görlitz: Der Tod und das Mädchen

Görlitz | Zittau, 27. März 2015. Von Thomas Beier. Das ist Theater, wie es sein soll! Konfrontierend, verwirrend, Fragen stellend, und - tjawoll! - nicht ständig perfekt! Das Gerhart-Hauptmann-Theater hat unter der Regie von Intendantin Dorotty Szalma “Der Tod und das Mädchen” (La muerte y la doncella) von Ariel Dorfmann (Chile/USA) auf die Bretter gebracht. Premiere in Görlitz war am 13., in Zittau am 20. März 2015.

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Ein Stück, das so verdammt nochmal nottut in dieser Zeit!

Thema: Theater

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Wenn man über die Theaterlandschaft der Oberlausitz spricht, führt kein Weg am Gerhart-Hauptmann-Theater (GHT) vorbei. 

Der Tod und das Mädchen - ein Sujet, das uns an den Wert der Zeit erinnert, an das Unausweichliche - ist in der Kunst vielfältig aufgegriffen worden, so als wenige Beispiele in Franz Schuberts Streichquartett, zuvor bei Matthias Claudius im Gedicht, noch viel eher von Hans Baldung Grien im Gemälde, mit sich nach und nach wandelnder Deutung.

Nun also Dorfmanns Stück (Uraufführung London 1991) in Görlitz und Zittau. Beschrieben wird der Umgang mit einem Folterer, der in der Diktatur dazu wurde und 15 Jahre später in die Gewalt eines seiner Opfer gerät - und trotz des Nachweises (wenn es denn eine Wahrheit geben sollte) seiner Schuld wohl davonkommt.

Das Stück ist in jeder Sekunde spannend, auch wenn sich die Leistungen der Akteure unterscheiden. Allerdings ist es hilfreich, sich vor dem Theaterbesuch mit dem Stück zu befassen.

Spätestens seit dem Milgram-Experiment wissen wir, dass viele - wenn nicht gar die meisten - Menschen zu grausamen Taten manipulierbar sind. Immer, wenn die Demokratie schließlich über eine Diktatur siegte, beriefen sich Täter und Mitläufer auf die Umstände, die ihnen selbstverständlich wurden. So auch der Folterer im Theaterstück, damals eingesetzt als Arzt, damit die Folteropfer nicht vorzeitig stürben, dann selbst Lust an der Folter empfindend.

Zum Schluss kommt - so meine Interpretation des offenen Ausgangs - der Folterer davon und applaudiert gemeinsam mit seinem Opfer einer neuen Welt, in der sie nun als Überlebende der Diktatur und Überlebende ihrer Aufarbeitung angekommen sind.

Zwischen Täter und Opfer steht während des Stücks der Ehemann des Opfers, der gerade in eine Kommission zur Aufklärung der Verbrechen der vergangenen Diktatur berufen wurde, eine Rolle zwischen Anspruch, Eifer und Machtlosigkeit.

Und zwischen allen tanzt der Tod, wer sonst. Sein Tanz macht die Aufführung zum Vier-Sparten-Werk. Fernando Balsera Pita, der den Tod tanzt, bleibt blass - so, wie der Tod im Leben uns ständig unauffällig nahe ist.

Ausdrucksstark reißt hingegen Julia Vogl als Paulina Escobar, das Opfer, die Inszenierung an sich: Ihr Aufbrechen der Erinnerung 15 Jahre danach, das Schwanken zwischen Rache und innerem Frieden, zwischen Satisfaktion und der aufkeimenden Lust, sich den früheren Täter nun selbst zum Opfer zu machen.

Nicht minder überzeugend Tilo Werner als Roberto Miranda, bettelnd, verzweifelnd, seine Schuld bis zur Glaubwürdigkeit seiner Unschuld verdrängend, schließlich als Schuldiger seine Verantwortung den äußeren Umständen anlastend.

Marc Schützenhofer, der als Gerardo Escobar Paulinas Ehemann spielt, bedient diese Rolle paradox exakt: Vom Glauben an seine Mission zur Aufklärung der Verbrechen erfüllt, will er diese seine neue Aufgabe nicht gefährden lassen durch das radikale Vorgehen seiner Frau und sucht Wege, die eskalierende Situation zu beenden. Er ist der Typ, dem die Demokratie eine Karriere ermöglicht, die er nun keinesfalls gefährden möchte.

Schade, dass sich die von Sopranistin Yvonne Reich und Bass Stefan Bley besetzten Gesangsrollen zu großen Teilen auf formale Handlungen reduzieren. Die von ihnen getragenen Masken von Regierenden wirken zunächst in der Tat aufgesetzt, bis die Synapsen aktiv werden: Unter Obama wurde gefoltert, aber es wurde bekannt. Unter Putin? Unter Merkel? Wer erinnert sich daran, als ein Polizeibeamter einen Kindesentführer zwingen wollte, das Versteck des vermutlich todesnahen Kindes preiszugeben? Zuweilen hatte ich das Gefühl, dass vor allem Bley mit seiner Rolle unzufrieden war, während Reich das routiniert wegsteckte.

Zur Zittauer Premiere war das Theater gut gefüllt, wenn auch nicht ausverkauft. Beim Blick in die Gesichter der Besucher zeigte sich, dass allein die Existenz der Spielstätte der Stadt ein theateraffines Kulturbürgertum erhalten hat. Für den Ausverkauf von Eintrittskarten und Kultur gibt es andere Instrumente wie den zauberflötenden Pop-Kitsch, der Quote bringt. Was aber in “Der Tod und das Mädchen" zu erleben war ist das, was so verdammt nochmal nottut in dieser Zeit.

Prädikat: Unbedingt hingehen!
Mehr über das Stück ist auf der Webseite des Gerhart-Hauptmann-Theaters zu erfahren, wo auch Rezensionen und Vorstellungstermine zu finden sind.

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  • Quelle: Thomas Beier | Fotos: Pawel Sosnowski
  • Erstellt am 26.03.2015 - 20:37Uhr | Zuletzt geändert am 27.03.2015 - 10:26Uhr
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