Demontage einer Kulturstadt
Dresden | Görlitz-Zgorzelec, 15. Januar 2007. In einer gemeinsamen Erklärung des Regierungspräsidiums Dresden, der WBG Wohnungsbaugesellschaft Görlitz mbH und der Stadt Görlitz versuchen diese, den groß angelegten Abriss von Kulturdenkmalen als "neuen Weg" darzustellen. Ein gemeinsamer Vertrag regelt erstmalig gleichzeitige Sanierung und Abriss von Baudenkmalen.
Häuser zum Tode verurteilt

Am Freitag, dem 12. Januar 2007, unterzeichneten das Regierungspräsidium Dresden (RP), die Stadt Görlitz und die WBG Wohnungsbaugesellschaft Görlitz mbH (WBG) eine Vereinbarung über die Sanierung und den Abriss von Kulturdenkmalen, die sich im Eigentum der WBG befinden. Der Vertrag hat eine Laufzeit bis zum Jahresende 2010. Mit dem Vertrag wird der WBG der Abriss der Gebäude Reichertstraße 66-82, Helmut-von-Gerlach-Straße 32a und Karl-Eichler-Straße 40/42 gestattet. Zu diesen Gebäuden hatte der Görlitzer Stadtrat bereits im Juli vergangenen Jahres einen Empfehlungsbeschluss zum Abriss gefasst.
Gleichzeitig verpflichtet sich die WGB in diesem Vertrag zur Sanierung der Häuser Jochmannstraße 10a, Mittelstraße 14 und Elisabethstraße 23. Der Abriss von weiteren insgesamt achtzehn Gebäuden im Stadtrandbereich ist vertraglich mit dem Sanierungsfortschritt an den genannten Gebäuden verknüpft. Darüber hinaus wird sich die WBG um die Sanierung der Gebäude Lunitz 6c und Nikolaistraße 5 bemühen und bis zum Ende der Vertragslaufzeit außer den bereits laufenden keine weiteren Anträge zum Abriss von Kulturdenkmalen stellen.
Nicht in den Vertrag aufgenommen und damit auch nicht zum Abriss freigegeben wurden entgegen ursprünglichen Vorstellungen der WBG Gebäude in der Brautwiesen-, der Leipziger, der Emmerich- und der Querstraße, da diese eine große städtebauliche bzw. denkmalpflegerische Bedeutung haben.
Die Vertragspartner meinen, mit der Vereinbarung angesichts der Probleme durch die absehbare Bevölkerungsentwicklung in Görlitz, des schwierigen Wohnungsmarktes und betriebswirtschaftlicher Zwänge der WGB einen akzeptablen Ausgleich unterschiedlicher Interessen der Vertragspartner erreicht zu haben. In den Verhandlungen wurden neben den wirtschaftlichen Interessen der WBG auch die Vorstellungen der Stadt Görlitz zur zukünftigen Stadtentwicklung und die Interessen der Denkmalbehörden berücksichtigt.
Der die Stadtentwicklung insgesamt in den Blick nehmende Handlungsansatz und die Bereitschaft der WBG zur Sanierung von Kulturdenkmalen veranlassten das Regierungspräsidium Dresden dazu, mit dem jetzt geschlossenen Vertrag von der bisherigen einzelfallbezogenen Betrachtungsweise im Denkmalschutz abzurücken. Der Abriss von eher in Randzonen liegenden Kulturdenkmalen werde dabei mit der Sanierung von Kulturdenkmalen im städtischen Kernbereich verknüpft, damit werde dem Grundanliegen des Integrierten Stadtentwicklungskonzepts, der Bewahrung und weiteren Aufwertung der Görlitzer Kernstadt, entsprochen.
Kommentar:
Neu ist der Weg sicherlich nicht. Erst verfallen lassen und dann wegreißen war schon den DDR-Machthabern vorzuwerfen. Viele Menschen freuten sich tatsächlich über den Ersatzbau in Form der neuen Plattenbauwohnung, hell und zentral beheizt. Neu ist lediglich die Tatsache, dass ganz bewusst und planmäßig Kulturdenkmale vernichtet werden.
Sind das die Spätfolgen des DDR-Wohnungsbauprogramms? Die Plattenbau-Mieter lobpreisen die Wohnqualität und wollen nicht mehr ´raus, wer es sich leisten kann, zieht ins Grüne, der selbstbewusste "Städter" wohnt in der Altstadt oder in einer wohlsanierten Villa. Nun könnte man sagen, das wär´ alles nicht passiert, hätte man keine Plattenbauten auf die Wiese gestellt, sondern gleich die Häuser in der Stadt erhalten.
Wenn, hätte, könnte ... ein zugegeben brutaler, aber nachdenkenswerter Spruch, der Henry Ford zugeschrieben wird, besagt: "Vergangenheit ist Quatsch!" Aber aus lauter Pessimismus auf Zukunft zu verzichten, das ist Folge des Versagens in der Gegenwart. Wer nur mit nackten Zahlen spielt, kann auf keine anderen Schlüsse kommen, als abzureißen. Wo´s doch auch noch gefördert wird. Da braucht man doch nicht nachzudenken!
Alternativen zeigen sich anderswo. Sozialer Wohnungsbau der späten zwanziger Jahre in Berlin-Lichtenberg, aufgewertet mit wenig Aufwand, dafür mit viel Mieterinitiative. Nachbars Wohnung ist leer? Das ist die Chance, eine Wand rauszunehmen und die Wohnungen zu verbinden. So entsteht großzügiger und dennoch bezahlbarer Wohnraum mitten in der Stadt. Das ist attraktiv und zieht Leute an. Mit der top-sanierten Görlitzer Wohnung eines Vermieters, der nur des Steuernsparens wegen in diese Rolle kam, klappt das leider nicht.
Aber die bleibt eh leer, mit oder ohne Abriss,
denkt Ihr Fritz Stänker




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- Quelle: /RPDD070112 /Fotos: © BeierMedia.de
- Erstellt am 15.01.2007 - 23:48Uhr | Zuletzt geändert am 11.05.2022 - 18:09Uhr
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