Interventions- und Koordinierungsstelle bei häuslicher Gewalt im Landkreis Görlitz

Bild zu Interventions- und Koordinierungsstelle bei häuslicher Gewalt im Landkreis GörlitzLöbau, 2. Mai 2022. Es gibt Lebenswirklichkeiten, die kennen die meisten nicht. Dazu zählt Gewalt an jenem Ort, der doch der geschütztesten sein sollte: im Zuhause. Doch gerade die Privatsphäre sorgt dafür, dass oft genug nichts nach außen dringt – so lange, bis Betroffene, Nachbarn, Kollegen oder Freunde aktiv werden. Der Handlungsbedarf ist größer, als mancher meint.

Abb.: Löbau hat, was andere im Kreis Görlitz nicht haben, nämlich eine Interventions- und Koordinierungsstelle bei häuslicher Gewalt
Symbolfoto: © BeierMedia.de
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Bessere Hilfe für Betroffene von häuslicher Gewalt

Gestern, am 1. Mai 2022, wurde in Löbau auf der Brunnenstraße 5 eine "Interventions- und Koordinierungsstelle bei häuslicher Gewalt" (IKOS) eröffnet, die die erste eigenständige im Landkreis Görlitz. Träger ist der Zittauer Ortsverband des Deutschen Kinderschutzbundes. Für Sachsen insgesamt handelt es sich um die zehnte Interventions- und Koordinierungsstelle.

Das Sächsische Staatsministerium der Justiz und für Demokratie, Europa und Gleichstellung will mit der Löbauer Interventions- und Koordinierungsstelle gemeinsam mit dem Dezernat für Gesundheit und Soziales im Landratsamt Görlitz das Hilfesystem für gewaltbetroffene Personen und deren Kinder weiter verbessern. Dabei geht es um die Beratung von Gewaltbetroffenen, Schulungsangebote und die Netzwerkkoordination für Fachberatungsstellen, Polizei, Justiz oder Kinder- und Jugendhilfe.

Franziska Schubert, Fraktionsvorsitzende der Bündnisgrünen im Sächsischen Landtag und Abgeordnete aus dem Landkreis Görlitz kommentierte die Eröffnung so: "Ich bin sehr froh, dass wir endlich eine Interventions- und Koordinierungsstelle bei häuslicher Gewalt auch im Landkreis Görlitz haben. Den Bedarf haben wir seit Jahren; es fehlte bislang an Geld und politischem Willen, das hier zu verankern. Beides hat der Landtag zusammen mit dem zuständigen Ministerium geändert. Für die Betroffenen ist das sehr wichtig." Den Deutschen Kinderschutzbund - Ortsverband Zittau e.V. nannte sie einen guten und erfahrenen Träger.

Corona hat Problem häuslicher Gewalt weiter verschärft

"Bereits vor Corona zeigte sich deutlich, dass unser Unterstützungs- und Hilfesystem in Sachsen ausgebaut werden muss. Menschen, die Gewalt in ihrem eigenen Zuhause erleben, brauchen schnell und unkompliziert Hilfe", sagte Justiz- und Gleichstellungsministerin Katja Meier (Bündnis 90/Die Grünen), "Es muss unser erklärtes Ziel sein, dass jede Person, der häusliche Gewalt widerfährt, unabhängig von ihrem Wohnort schnell Beratung erhält und Auswege aufgezeigt bekommt. Ich freue mich sehr, dass in Zusammenarbeit mit dem Landkreis nun auch in der Region Görlitz eine eigenständige Anlaufstelle für gewaltbetroffene Personen und deren Kinder geschaffen wird."

Auch Schubert kennt das Gewalt-Problem: "Während der Corona-Pandemie haben wir beobachten müssen, dass es einen Anstieg häuslicher Gewalt gab; die Dunkelziffer ist hoch – vor allem Frauen und auch Kinder sind von Gewalt in ihrem eigenen Zuhause betroffen. Ihnen Beratung und Unterstützung zu geben, war unsere Motivation, in jedem Landkreis Sachsens mindestens eine solche Stelle zu schaffen."

Bessere Zusammenarbeit aller Beteiligten

Martina Weber, Beigeordnete im Landkreis Görlitz, stellte den Vernetzungsgedanken in den Mittelpunkt: "Mit dem Deutschen Kinderschutzbund – Ortsverband Zittau e.V. hat ein gut vernetzter Träger diese Aufgabe übernommen. So sollen neben professionellen Beratungen regionale Unterstützungsleistungen durch vorhandene Netzwerke besser koordiniert werden, um nicht zuletzt Hilfe zur Selbsthilfe zu gewährleisten. Wir hoffen auf eine gute Zusammenarbeit aller Beteiligten, um zur Verbesserung von Opferschutz bei häuslicher Gewalt im Landkreis Görlitz beizutragen. Unser Dank gilt dem Freistaat Sachsen, der dieses Vorhaben ermöglicht."

"Als Finanzpolitikerin und regionale Abgeordnete habe ich mich gemeinsam mit der Bündnisgrünen Fraktion sowie Gleichstellungsministerin Katja Meier für den Aufbau von Beratungsstellen für Betroffene häuslicher Gewalt in jedem Landkreis und jeder kreisfreien Stadt Sachsens eingesetzt, verweist Schubert auf die gemeinsamen Anstrengungen.

Koalitionsvertrag ermöglicht Finanzierung

Laut Koalitionsvertrag 2019 bis 2024 ist es das Ziel der sächsischen Landesregierung, in jedem Landkreis und in jeder kreisfreien Stadt eine eigenständige "Interventions- und Koordinierungsstelle bei häuslicher Gewalt" zu etablieren. Entsprechend erhält das Gleichstellungsministerium Geld aus dem sächsischen Staatshaushalt, um das Vorhaben umsetzen zu können.

Schubert: "Die Eröffnung einer solchen Stelle in meiner Geburtsstadt Löbau ist für mich ein Grund zur Freude, wenngleich das Thema ein sensibles ist. Es ist ein deutliches Zeichen für Opferschutz und Angleichung der Lebensverhältnisse von Stadt und Land, das wir in Mitregierungsverantwortung setzen – wer Hilfe braucht, soll sie auch bekommen, ganz gleich, wo er oder sie wohnt. Häusliche Gewalt ist Realität für zu viele Menschen - und ich möchte dafür sensibilisieren."

Hintergrund:
Jährlich mehr als 9.000 angezeigte Fälle häuslicher Gewalt in Sachsen sowie seit Jahren steigenden Beratungszahlen verdeutlichen den hohen Bedarf an der Angebotsausweitung. Mit dem Haushaltsbeschluss 2021/2022 wurde zudem deutlich mehr Geld für die sichere Unterbringung und Beratung von Betroffenen, aber auch für die Beratung von gewaltausübenden Personen beschlossen.

Mehr:


Kommentar:

Häusliche Gewalt kennt viele Erscheinungsformen. Am offenkundigsten sind oft die Folgen physischer Gewalt, während psychische Gewalt sich etwa im Ausnutzen von Abhängigkeiten oder der Lust an psychischer Qual zeigt. Zu den Gewaltfolgen gehört, dass sich die Opfer weder wehren können noch selbst Hilfe suchen, sei es aus Angst oder aus Scham. In der neuen Interventions- und Koordinierungsstelle haben nun auch jene einen Anlaufpunkt, die Erscheinungen häuslicher Gewalt in Ihrem Umfeld feststellen, sich aber vielleicht scheuen, die Polizei zu rufen; niedrigschwellig nennt man das wohl.

Niedrigschwelliger hätte auch die Bezeichnung der etwas hölzern-amtsdeutsch daherkommenden "Interventions- und Koordinierungsstelle bei häuslicher Gewalt" ausfallen können – jedenfalls, wenn man die Perspektive der Betroffenen, um die es ja geht, einnimmt, meint

Ihr Thomas Beier






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  • Quelle: red | Kommentar: Thomas Beier
  • Erstellt am 02.05.2022 - 08:04Uhr | Zuletzt geändert am 02.05.2022 - 09:41Uhr
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