Der Bundestrojaner: Stasi 3.0

Hamburg | Berlin, 10. Oktober 2011.Zum Glück gibt's den Chaos Computer Club in Hamburg (CCC), sonst hätten wir es vielleicht nicht so bald mitbekommen: Der Bundestrojaner, ein amtliches Computer-und-Kommunikations-Ausspäh-Programm, ist im Einsatz - und er kann offenbar mehr, als die Polizei erlaubt.

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Der Bundestrojaner-Report zum Download

Im Dokument "Analyse einer Regierungs-Malware", das der CCC mit Stand vom 8. Oktober 2011 veröffentlichte, heißt es beispielsweise in der Bewertung der verwendeten Verschlüsselung:

"Der Einsatz von AES in dem gezeigten katastrophalen Gesamtumfeld - ohne Session-Keys, mit ECB, und nur in eine Richtung - deutet auf Ausschreibungen im öffentlichen Sektor hin, bei denen AES gefordert wurde, aber der Rest nicht spezifiziert war. Mehr als einen Bonuspunkt in der B-Note können wir hier leider nicht vergeben.

Wir sind hocherfreut, daß sich für die moralisch fragwürdige Tätigkeit der Programmierung der Computerwanze keine fähiger Experte gewinnen ließ und die Aufgabe am Ende bei studentischen Hilfskräften mit noch nicht entwickeltem festen Moralfundament hängenblieb.

Auf der anderen Seite sind wir erschüttert, daß ein solches System bei der Qualitätssicherung auch nur durch das Sekretariat kommen konnte. Anfängerfehler dieser Größenordnung hätten im Vorfeld unterbunden werden müssen, zumal bereits bei der Anhörung vor dem Bundesverfassungsgericht anläßlich des Beschwerdeverfahrens gegen die Online-Durchsuchung von Regierungsseite immer wieder versichert wurde, daß besonders hohe Qualitätssicherungsansprüche gestellt würden. "

Selber Lesen!
http://www.ccc.de/system/uploads/76/original/staatstrojaner-report23.pdf (ca. 187 KB)


Kommentar

Was ist das für ein Staat, der eine Generalbedrohung durch seine Bürger unterstellt? Dessen vorsorgliche Überwachungsbestrebungen selbst die engste Privatsphäre offenlegen. Und dessen technische Instrumente es ermöglichen, aus unbescholtenen Bürgern Beschuldigte zu machen, indem ihnen strafwürdige Daten auf die Computer gespielt werden könnten - auch von Dritten. Hätte sich die Stasi weiterentwickeln können, wäre auch sie hier angekommen - Stasi 3.0 mittlerweile.

Trojaner heißen Schadsoftware, weil sie Computer schädigen, der Bundestrojaner schädigt jedoch die gesamte Gesellschaft. Wie hätte die Piratenpartei in Berlin abgeschnitten, wäre der Bundestrojaner vor den Senatswahlen aufgeflogen?

Fällt dem deutschen Staat angesichts der tatsächlichen Bedrohungen durch Terroristen und Schwerkriminelle nichts Besseres ein, als die Überwachung von Bürgern zu perfektionieren? "Ich hoffe, dass wir noch toleranter werden", sagte der norwegische Premierminister Stoltenberg nach dem Massaker auf der Insel Utoya und zeigte damit einen anderen Weg - hin zu einer offeneren Gesellschaft.

Es ist beklemmend: Die schon heute durch die elektronische Kommunikation gewonnenen Einzeldaten scheinen ob ihrer Menge schier unbeherrschbar - jedoch das einzelne Individuum oder Gruppen können jederzeit nach nahezu beliebigen Kriterien - politische Einstellung, Gesundheit, Einkommen, persönliche Vergangenheit, Bekanntschaften etc. pp. - gefiltert werden. Heute ist denkbar, allein durch die Informationstechnologie Mehrheiten gegen Minderheiten aufzubringen oder die gesamte Gesellschaft einer informationstechnischen Überwachung, Selektion und Manipulation zu unterziehen.

Dagegen sind die auf der Gesundheitskarte gespeicherten Daten sind ein Sandkorn in der Wüste,

meint Ihr Fritz R. Stänker



P.S.: Und nicht alles glauben, was in der Zeitung steht: Mit einer "Computerwanze" ("Bug") hat der Bundestrojaner nichts zu tun. Als "Bug" bezeichnet man gewöhnlich einen Einzelfehler in einer Software, weshalb das Programm, mit dem dieser behoben werden kann, "Debugger" genannt wird. Computerfehler heißen "Bug" (Wanze), weil bei einem der Ur-Computer mal ein Käfer in die Relais geraten war.

Tipp:
Knapp zehn Jahre später hat sich die Internetwelt weiterentwickelt, einige wenige große Internetkonzerne versuchen, möglichst viele Daten ihrer Nutzer zu ergattern. Andererseits hat die europäische Datenschutz-Grundverordnung dem hemmungslosen Datenmissbrauch einen Riegel vorgeschoben, allerdings das Problem des Datenschutzes ganz wesentlich den Webseitenbetreibern aufgebrummt. Der Görlitzer Anzeiger hat einen Artikel zum Thema, worauf man neben dem Datenschutz bei der Entwicklung von Webseiten und Apps achten sollte, veröffentlicht.

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  • Quelle: red | Fritz Rudolph Stänker
  • Erstellt am 10.10.2011 - 16:40Uhr | Zuletzt geändert am 09.08.2021 - 07:59Uhr
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