Was macht den Frieden sicherer?
Dresden, 5. März 2022. Von Thomas Beier. Der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer ist ein wenig unter Beschuss geraten – friendly fire nennt man das, wenn die Schützen in den eigenen Reihen sitzen. Dabei hat er doch nur laut gedacht und – bildlich gesehen – dafür den Farbkasten statt allein die schwarze Tinte verwendet.
Krieg, ein Frage der Ehre?
Kriegszeiten tauchen im kollektiven Gedächtnis der Deutschen im Grunde nur noch als Erinnerungskultur auf. Wohl diesem Umstand ist es geschuldet, dass irgendwann in den vergangenen Tagen im TV eine überaus gepflegte Schönheit palavern durfte, wie sie kämpfen würde. Heilsam ist bei Kriegsbegeisterten erfahrungsgemäß schon ein Tritt ins Schienbein, der den Schmerz auf dem Schlachtfeld eher symbolisch andeutet.
Diejenigen, die sich von den Nazis veralbern ließen und glaubten, einen Krieg für Deutschland zu führen, stellten hernach fest: Es gibt nichts, das es wert ist, dafür einen Krieg zu führen. Heute sind im Straßenbild keine Kriegsversehrten mehr zu sehen, noch in den Sechzigerjahren waren sie selbstverständlich, die Einbeinigen, Einäugigen, Einarmigen, mit Schussverletzungen im Gesicht oder in meiner Nachbarschaft eine Mann mit Sauerbruch-Prothesen, zwei Händen aus Holz, die er – mit seinen Muskeln verbunden – öffnen und schließen konnte. Da hatte er Glück, bei anderen ragte der Eisenhaken einer Manschette aus dem Ärmel. Andere Wunden waren unsichtbar, nicht nur die Granatsplitter im Körper, sondern auch die vernarbten Seelen.
Gern wird im Krieg von der Ehre gesprochen und es wird geehrt mit Abzeichen, Beförderungen und Orden. Als die Soldaten an die Front marschieren, stehen hohe Offiziere am Rande und salutieren. Das tun sie auch, als die Soldaten zurückkommen, nur haben die Offiziere nun Orden an der Brust, die Soldaten jedoch – so sie überhaupt zurückkommen – haben Verbände, Krücken, Augenklappen.
Was ist ehrenhafter: Ein Land zu verteidigen, bis tausende Zivilisten und Soldaten umgekommen oder verletzt sind und das Land zerstört ist oder angesichts einer Übermacht die Segel zu streichen? Ich weiß es nicht, wer antworten möchte, möge sich Bedenkzeit nehmen.
Zum Elend des Ukraine-Krieges gehört es, dass sich die Völker der Ukrainer und der Russen über Generationen wieder hassen werden, ohne die Frage nach den wahren Schuldigen, den Masters of War, wie sie Bob Dylan nannte, zu stellen. Gerade die "DDR"-Deutschen kennen die Erfahrung, wie ihnen in den ersten Nachkriegsjahrzehnten in den östlichen Nachbarstaaten mit Vorbehalten begegnet wurde. Sicher ist die Aussöhnung besonders mit Frankreich, den Beneluxstaaten, Tschechien und Polen auch eine Generationenfrage, vor allem aber eine herausragende politische Leistung der Bundesrepublik.
Auf Dauer muss man klarkommen miteinander, seine Nachbarn kann man nicht austauschen und man muss sich mit ihnen arrangieren – und das ist es wohl, was der sächsische Ministerpräsident meinte. Damit entzieht er sich ein Stück weit der Dynamik, in der sich manche der Nassforschen – die in einer heilen, in ihrer Sicht logischen Welt mit klaren Spielregeln aufgewachsen sind – in Sanktionsforderungen übertreffen, die sich alsbald als kurzsichtig erweisen könnten. 100 Milliarden für die Rüstung, eine eventuelle Wehrpflicht light: Macht das den Frieden sicherer oder wirkt es kontraproduktiv? Ein ungutes Gefühl bleibt.
Mehr erfahren im Görlitzer Anzeiger:
- 02.03.2022: Ist die Ukraine noch zu retten?
- 26.02.2022: ‘s ist Krieg!
Kultureinschläge:
- Bob Dylan: Masters of War
- Buffy Sainte-Marie: Universal Soldier



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- Quelle: Thomas Beier | Foto: geralt / Gerd Altmann, Pixabay License
- Erstellt am 05.03.2022 - 02:04Uhr | Zuletzt geändert am 11.10.2022 - 11:22Uhr
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