Das Wort zum Wahlsonntag: Bin ich ein Nazi?

Görlitz, 23. September 2017. Von Thomas Beier. Die Wahlkampfsuppe ist dünn, aber vielleicht gerade deshalb schlagen die Wogen hoch. Widersprüchlichkeit in der Politik lässt sich sehr schön daran zeigen, wie Parteien im Wahlkampf aufeinander wettern und doch schon mehr oder weniger offen nach Koalitionären schielen. Eigentlich könnte Wahlkampf gut Spaß machen, wenn er die Parteien vom angesetzten Rost befreit und erkennen lässt, was die Partei trägt, was also des Pudels Kern ist. Doch so läuft es nicht: Die beiden großen Parteien praktizieren sowas wie die Ehe für alle und werden mitnichten eine Trennung auf ewig riskieren. Die kleineren wollen in das begehrte Boot, für das Links- und Rechtsaußen kein Ticket bekommen (sollen).

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Würden Sie Extremisten oder Fanatiker wählen? Aber Nazis?

Nur eine der ernstzunehmenden Parteien schießt gegen alle, diffamiert sie als "Altparteien" und erinnert damit an den Begriff der "Systemzeit", mit dem die Nazis die Weimarer Republik belegten. Ausgerechnet die Anhänger und Sympathisanten dieser Partei reagieren empfindlich, wenn man sie als Nazis bezeichnet - von "Nazi-Keule" ist die Rede und vom "das wird man ja noch sagen dürfen" (als ob es mit dem freien Wort in Deutschland ein Problem gäbe).

Aber bleiben wir bei der Frage:

Sind Anhänger einer Partei, die andere Parteien pauschal diffamiert, Nazis?

Um das zu klären, muss der Begriff Nazi näher beleuchtet werden. Dass die Koseform von Ignaz hier nicht interessiert, ist wohl klar. Auch verbindet heute niemand mehr die Nationalsozialen, die eher links waren, mit dem Kürzel Nazi, wohl aber die Nationalsozialisten. Die mochten den Begriff irgendwann selber nicht mehr und auch die SED-Linken vermieden gern alles, was nach "Nationalsozialismus" klang – schließlich hatte man sich selbst den Sozialismus auf die Fahnen geschrieben und zunehmend die nationale Komponente wiederentdeckt ("DDR – mein Vaterland!"). Man verwendete lieber "Hitlerfaschismus", das lenkte nicht den Blick auf die vielen Gemeinsamkeiten der Nationalsozialisten und den Sozialisten sowjetischer Prägung.

In Deutschland ist mit Nazi ein Nationalsozialist gemeint, mit Neo-Nazi jemand, der sich nach 1945 ohne eigenes Erleben zu diesem Gedankengut bekennt. Was den Nazionalsozialismus – genauer: seine ideologischen Ansprüche – ausmacht, ist auf Wikipedia sehr gut und in sogar recht einfach gehaltenen Worten beschrieben. Hier kann jeder seine Weltsicht hervorragend abgleichen. Wem das aber zu schwierig ist, der sollte sich seinen Wahlzettel lieber noch einmal erklären lassen.

Der Nazi-Begriff heute

Vielleicht sind im Sinne dieses traditionellen Nazi-Begriffs die so benannten Zeitgenossen tatsächlich keine hunderprozentigen Nazis, in einem anderen Sinne jedoch schon: International, vor allem im angelsächsischen Sprachraum, steht Nazi auch für Leute, die Fans einer eng umrissenen Sache oder Ansicht sind, ähnliche Sachen oder andere Ansichten aber nicht tolerieren und gegebenenfalls rigoros vorgehen. Rigoroses vorgehen steigert sich nach den Regeln der Konflikt-Eskalations-Stufen, beim einzelnen Menschen wie in den unterschiedlichen Gesellschaftsteilen. Leute mit anderen Ansichten niederzubrüllen in einer Sprache, der auch ein Kakadu mächtig ist, passt da gut rein.

Wie soll man also Leute nennen, die einer Partei zustimmen, allen anderen aber quasi die Existenzberechtigung absprechen: Extremisten, Fanatiker oder eben Nazis?

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  • Quelle: Thomas Beier | Foto mit Brille: kalhh / kai Stachowiak, Foto Finger: PDPics, beide pixabay und Lizenz CC0 Public Domain
  • Erstellt am 23.09.2017 - 10:13Uhr | Zuletzt geändert am 23.09.2017 - 10:40Uhr
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