Die Flut - Haben oder Sein

Klein Priebus. In ihrem Blog berichtet Arielle Kohlschmidt aus Klein Priebus die Zeit zwischen Ankündigung und Flut. Sie reflektiert die außerordentlichen Umstände auf den Alltag. Prädikat. Unbedingt Lesen!

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Ein erstaunlicher Augenzeugenbericht

Samstag Abend. Die Nachbarin ruft an. Ein Staudamm ist gebrochen. Eine Flutwelle wird kommen. Ich hätte in dem Moment Entsetzen, Panik und Angst von mir erwartet, ja irgendwie gewünscht. Zwar nicht Mann und Maus, aber immerhin Haus und Hof standen für uns auf dem Spiel. Wer einmal den grauen Schlamm eines Hochwassers aus der Nähe gesehen hat, kann sich den nicht im Wohnzimmer wünschen.

Trotzdem. Ich konnte mich nicht erwehren: ein eigenartiges Lachen, Frohlocken und Entzücken stieg in mir auf: Haha! Jetzt geht es los! Es wird ernst. Ein existentielles Erlebnis stand uns bevor. Mit der Chance zu gewinnen oder zu verlieren.

Da meine Natur auf der Skala von Sein und Haben sehr dem Sein zugeneigt ist, bin ich ein ziemlich guter Verlierer auf der Habenseite. Oder besser: Diese Art von Verlust schmerzt mich nur ein wenig. Natürlich: Hätte ich die Wahl zwischen Schlamm im Haus und keinem würde ich vernünftigerweise auch das Bequemere wählen. Aber der mögliche Gewinn hatte eine tiefe Sehnsucht in mir angesprochen: nach dem echten Leben oder vielleicht: nach dem echteren Kampf. Denn so richtig existentiell würde es auch hier nicht werden. Dazu ist es in unserem Land viel zu sicher. Selbst wenn man zu dusslig ist und alle Warnungen in den Wind schlägt, die Retter würden einen retten.

Voller Tatendrang nahmen wir uns also der Sache an. Wer einmal in seinem Leben den Fernseher (oder das Bedürfnis unterhalten zu werden) abgeschafft hat, dem gibt die Tat Kraft und Lust zu neuen Taten. Der hauseigene Krisenstab tagte. Die Prognose lautete, dass der Pegel den des letzten Hochwassers 1981 deutlich übersteigen würde. Wir waren 200 Meter vom Neißeufer entfernt. Das würde Wasser im Erdgeschoss bedeuten, wenn uns das Abdichten nicht gelänge. Wir stellten fest, dass wir nicht optimal ausgerüstet waren. Gummistiefel, eine zweite Taschenlampe und eine Kartusche für den Campingkocher fehlten. Aber wir sahen auch handfeste Vorteile bei unserem Kampf gegen die Flut. Ein erster Stock bot viel Platz. Vorräte fürs gesamte Dorf lagerten im Haus. Gut ausgerüstete Bauern mit Hochwassererfahrung und Netzwerk gehörten zu den Mitstreitern. Und außerdem hatten wir im Gegensatz zu anderen Orten am oberen Neißelauf etwas unendlich Wertvolles: Zeit. Die Flut würde uns erst nach 12 Stunden erreichen.

Die Stunden vergingen mit dem Umzug in den ersten Stock. Wir hielten eine Satellitenverbindung für die Feuerwehr bereit und sollten neueste Nachrichten aus dem Umweltamt zu den Pegelständen weiterleiten. Eine gute Portion Adrenalin ließ uns keine Müdigkeit verspüren.

Unser Dorf war ein Musterdorf. Die Kommunikation klappte. Man kümmerte sich umeinander. Die Stimmung war leichtfüßig und sorgend zugleich. Drei Schichten Sandsäcke wurden auf den Damm gestapelt. Bei der Wucht des Wassers hätte mehr auch nicht geholfen. Dann half man den Nachbardörfern.

Als der Scheitel kam, hielt der Damm. Nur ein paar Keller, ein Gartenhäuschen und ein Gerätehaus standen unter Wasser. Kurz vor unserem Gartenzaun stoppten die Wellen.
Wir erlebten eine gigantische Naturgewalt. Und wir erlebten ein neues Dorfgemeinschaftsgefühl. In der lauen Sommernacht saßen wir zusammen mit der Freiwilligen Feuerwehr auf der Kreuzung, tranken Bier und hatten uns lieb. Warum man das nicht an einem normalen Sommertag macht, das ist eines dieser Rätsel dieses Menschen auf dieser Welt.

Ein anderes Rätsel scheint sich für mich gelöst zu haben: Die viel gescholtenen Katastrophentouristen. Ich wage hier mal zu behaupten: Eigentlich wollen die auch nur dabei sein und können es aus irgendeinem Grunde nur als Ersatz leben. Leute, die das irgendwann begreifen, sind beim THW, DLRG, der Freiwilligen Feuerwehr oder schließen sich als Helfer den Helfern an. Vielleicht müsste man den Gaffern nur die Hand reichen, sie auffordern mitzumachen und sie damit ihrer Bestimmung zuführen. Mitfühlender und tätiger Mensch unter Menschen zu sein.

Von Arielle Kohlschmidt

Arielle kohlschmidt betreibt die Agentur Blendwerck und hat sich u.a. als engagierte Filmemacherin einen Namen gemacht.

Mehr:
http://www.blendwerck.de
http://kostblog.de

Kommentare Lesermeinungen (2)
Lesermeinungen geben nicht unbedingt die Auffassung der Redaktion, sondern die persönliche Auffassung der Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich das Recht zu sinnwahrender Kürzung vor.

Gaffer

Von Hermann Schwiebert am 13.08.2010 - 18:07Uhr
Ich möchte nur auf die letzten Zeilen eingehen, auf die Gaffer nämlich. Frau Kohlschmidt glaubt an das Gute im Menschen, und das finde ich schön. Sie schimpft nicht, sie sieht das Leben und die Menschen positiv. Ich bin mir auch sicher, dass viele Gaffer irgendwann dann doch selbst helfen bei der Feuerwehr, THW, Rote Kreuz... Manchmal braucht es eben einen Denkanstoß.

Ich hätte auch einen Denkanstoß parat. Viele Gaffer verließen ja die Altstadtbrücke - trotz mehrfacher Aufforderung durch die Polizei - nicht. Andere fotografierten gar durch geöffnete Fenster in die Wohnung der unglücklichen Menschen.

Da habe ich doch folgenden Vorschlag. Wer so nah am Ort des Geschehens sein möchte, der sollte vom Fleck weg zwangsverpflichtet werden zum Aufräumen. Ich glaube, damit gibt es in Zukunft einen Gaffer weniger.

Arielle Kohlschmidt

Von Butterfliege am 12.08.2010 - 22:53Uhr
Da ist was Wahres dran mit den Helfern und den Gaffern, ansonsten schöner Beitrag (von der Schreibe), solange man nicht selbst arg betroffen wurde.

Klingt ein bisschen nach Abenteuer und Adrenalin, aber ich glaube, dass manche sehr sehr viel verloren haben und dieses beim Lesen nicht so locker sehen.

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  • Quelle: Arielle Kohlschmidt
  • Erstellt am 10.08.2010 - 10:20Uhr | Zuletzt geändert am 10.08.2010 - 11:14Uhr
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