Europastadt gedenkt des Kriegsendes
Görlitz, 9. Mai 2020. Um Verhalten zu ändern ist es besonders wirksam, eine Erfahrung zu machen. Nachdem sie ihr Land 1945 in den totalen Untergang gekämpft hatten, schworen viele Deutsche, nie wieder eine Waffe anzufassen; nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg, das wurde für viele zum Leitbild. Aber Erfahrungen verblassen, deshalb ist es wichtig, an das Kriegsende zu erinnern und vor allem daran, wie die allermeisten Deutschen in das nationalsozialistische System hineinwuchsen, zu Rädchen im Getriebe oder zu Tätern wurden. Im Mittelpunkt der Erinnerung stehen die Opfer und jede, die Widerstand leisteten.
Oberbürgermeister Ursu: Gemeinsames Gedenken auch in schwierigen Zeiten

Die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht war der Ausgangspunkt für eine tiefgreifende Veränderung Deutschlands und Europas, die erst mit der deutschen Wiedervereinigung 1990 und im Zuge des europäischen Zusammenwachsens überwunden wurde. Dass aus gepflegten "Erbfeindschaften" nunmehr gepflegte Freundschaften wurden, ist gerade für das als Kriegsfolge geteilte Görlitz wichtig. Die heutige Europastadt Görlitz-Zgorzelec hat den 75. Jahrestag des Sieges der Alliierten über das entartete Deutschland zum Anlass genommen, um am heutigen Nachmittag der Ereignisse und der Opfer zu gedenken.
Nachdem am frühen Nachmittag die Glocken im Stadtgebiet läuteten, kamen die Stadtoberhäupter der Europastadt Görlitz/Zgorzelec sowie Michael Kretschmer, Ministerpräsident des Freistaates Sachsen, und Cezary Przybylski, Marschall der Wojewodschaft Niederschlesien (Dolny Śląsk) auf der Altstadtbrücke zusammen. Gemeinsam mit weiteren Persönlichkeiten stellten sie mit dem gemeinsamen Gedenken heraus, wie wichtig das freundschaftliche deutsch-polnischen Zusammenleben ist. 75 weiße und 75 rote Rosen wurden in Erinnerung an die Opfer des Zweiten Weltkrieges in den Grenzzaun, der die Europastadt und beide Länder wegen der Corona-Pandemie trennt, gesteckt. Es musizierten Olga Dribas am Klavier und Hartmut Schardt auf der Klarinette.
In seiner Ansprache auf der Altstadtbrücke betonte der Görlitzer Oberbürgermeister Octavian Ursu: "Auch in diesen schwierigen Zeiten gedenken wir gemeinsam. Was könnte mehr verdeutlichen, welcher Wandel sich in den vergangenen 75 Jahren vollzogen hat. Wir, Görlitzer und Zgorzelecer, sind längst Partner, ja Freunde, auch weil wir unsere Verantwortung für die Geschichte ernst genommen haben. Die europäische Perspektive bestimmt das Handeln bei uns in der Europastadt." Ein Videomitschnítt der Veranstaltung ist auf Facebook hinterlegt.
Die Initiative für das gemeinsame Gedenken auf der Altstadtbrücke war vom Meetingpoint Music Messiaen e.V. ausgegangen, dessen Eröffnung im Januar 2015 der unvergessene Spiritus Rector Dr. Albrecht Goetze noch erlebte. Frank Seibel, Vorsitzender des Meetingpoint Music Messiaen e.V., erinnerte an das Kriegsgefangenenlager Stalag VIIIa in Görlitz-Moys (heute Zgorzelec-Ujazd): "In den vergangenen 25 Jahren haben beide Städte, Görlitz und Zgorzelec, viel dafür getan, Brücken zu bauen. Doch in diesen Wochen des Jahres 2020 wird uns schmerzlich bewusst, dass die Grenze, die sich mitten durch unsere Europastadt zieht, eine Wunde ist. Der deutsche Verein Meetingpoint Music Messiaen und die polnische Stiftung Erinnerung, Bildung, Kultur arbeiten seit vielen Jahren gemeinsam daran, die Erinnerung an die rund 120.000 Zwangsarbeiter im Stalag VIIIa im öffentlichen Bewusstsein der Europastadt und der gesamten Euroregion zu verankern. Darum ist es uns wichtig, wie geplant gemeinsam mit unseren polnischen Partnern an das Ende des Zweiten Weltkrieges zu erinnern und allen Opfern des Krieges zu gedenken."
Stilles Gedenken
Wegen der pandemiebedingten Einschränkungen gedachte Oberbürgermeister Octavian Ursu gemeinsam mit Ministerpräsident Michael Kretschmer, Bischof Wolfgang Ipolt und Generalsuperintendentin Theresa Rinecker unter Ausschluss der Öffentlichkeit an der Kriegsopfergedenkstätte auf dem Städtischen Friedhof mit einer Schweigeminute und legten Kränze nieder. Auf diesem Friedhof ruhen über 600 Opfer des Zweiten Weltkriegs. Sie waren Soldaten, Zwangsarbeiter, Zivilisten und kamen aus Deutschland, Polen und der Sowjetunion. "Auch wenn die aktuelle Situation es uns verbietet, als Stadtgesellschaft zusammenzukommen, so gedenken wir im Stillen und fühlen uns doch verbunden", so Oberbürgermeister Ursu.Bereits vor der Gedenkveranstaltung auf der Altstadtbrücke waren Oberbürgermeister Ursu und Pfarrer Erdmann Wittig von der Evangelischen Christuskirchengemeinde Görlitz-Rauschwalde an der Kriegsopfergedenkstätte auf dem Friedhof in Rauschwalde zur Kranzniederlegung zusammengekommen. Pfarrer Wittig im Mai 2020: "Das Gedenken an den Soldatengräbern mit Gefallenen aus allen Völkern ist mir ein tiefes Anliegen seit vielen Jahren. Geprägt ist das für mich vor allem durch die Begegnungen mit Kameraden der Gefallenen die damals, vor 75 Jahren, den Tod selbst vor Augen, überlebten. Diejenigen, die an ihrer Seite fielen, deren Leben jäh abgebrochen war, wollten und konnten die Kameraden nie vergessen. Zugleich ein Zeichen der Dankbarkeit, selbst mit dem Leben davongekommen zu sein. Ich habe ebenso erlebt, wie diese inzwischen alten Männer gedenkend mahnen wollten: Nie wieder Krieg! Lasst uns alles für ein gutes Miteinander der Völker tun! Nun stirbt diese Generation aus. Aber, so denke ich, wir haben die Pflicht, dass das ehrende Mahnen an den Gräbern nicht aufhört. Wenn also an das Ende des Weltkrieges gedacht wird, dann gehören die Kriegsopferstätten dazu. Und die Dankbarkeit, dass wir nun schon so viele Jahre friedlich miteinander leben dürfen."



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- Quelle: red | Fotos: Paweł Sosnowski, Quelle: Stadtverwaltung Görlitz
- Erstellt am 09.05.2020 - 07:10Uhr | Zuletzt geändert am 09.05.2020 - 08:22Uhr
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