Plan B
Brüssel | Görlitz-Zgorzelec | Dresden. Die internationale Jury hat die Empfehlung ausgesprochen, Essen im Ruhrgebiet als Kulturhauptstadt Europas 2010 zu nominieren. Ein Ballungsraum hat fair gegen die Europastadt gewonnen.
Also: Glückwunsch Essen und Ruhrgebiet, nun macht was draus!
Glückwünsche aus der Kulturstadt Görlitz nach Essen | Stimmen
Größer als die aktuelle Enttäuschung in Görlitz-Zgorzelec ist der nicht unterzukriegende Optimismus, der sich in einem Slogan aus der Kneiperszene äußert: "Wenn schon Essen, dann in Görlitz!"
Jetzt ist die Zeit gekommen, den "Plan B" aus der Schublade zu ziehen. "Wir bauen weiter!" hatte das Kulturhauptstadtbüro unlängst verkündet, unabhängig davon, wer den Zuschlag zum Titel erhält. Richtig so, beweisen wir doch hier in Görlitz-Zgorzelec, wer Kulturstadt ist und das neue Europa schmiedet!
Wenn wir den Schwung des Bewerbungsprozesses nutzen für die weitere Entwicklung der Europastadt Görlitz-Zgorzelec, dann können wir vielleicht im Jahr 2009 in Abwandlung eines alten DDR-Witzes lästern: "Stimmt es, dass Essen mit Volldampf auf die Kulturhauptstadt Europas 2010 zuhält?" - "Im Prinzip ja, aber 80% des Dampfes werden zum Tuten und Blasen verwendet!"
Seit dem 10. März 2006 hatte der Görlitzer Anzeiger die Möglichkeit zur Online-Abstimmung "Was glauben Sie: Wird Görlitz-Zgorzelec die Kulturhauptstadt Europas 2010?" geboten. Die abgegebenen 88 Stimmen verteilen sich wie folgt: 86,4% "ja" | 4,5% "nein" | 9,1% "weiß nicht".
Ein klares - sicher, weil regional gefärbtes - Votum.
Stimmen zur Jury-Entscheidung:
Gemeinsame Erklärung der Oberbürgermeister der Europastadt
Die Jury der Europäischen Kommission in Brüssel hat heute ihre Entscheidung bekannt gegeben: Sie hat neben der ungarischen Stadt Pecs und der der türkischen Hauptstadt Istanbul den deutschen Kandidaten Essen/Ruhrgebiet als Kulturhauptstadt Europas für das Jahr 2010 benannt. Neben der Europastadt Görlitz-Zgorzelec wurde auch die ukrainische Hauptstadt Kiev nicht nominiert.
Der Oberbürgermeister der Stadt Görlitz, Joachim Paulick, sowie der Bürgermeister der Stadt Zgorzelec, Mirosław Fiedorowicz, geben gemeinsam folgende Erklärung ab: "Wir gratulieren unserem Konkurrenten zu dem erreichten Ziel und sind sicher, dass Essen und das Ruhrgebiet ihre großen Potenziale zu einem vielseitigen Programm für 2010 vereinigen werden. Für den fairen und kollegialen Wettbewerb möchten wir uns ausdrücklich bedanken und wünschen uns, dass die guten Beziehungen, die aufgebaut wurden, sich auch weiterhin fortsetzen."
Die Jury hat ihre Entscheidung zwischen zwei Kulturkonzepten getroffen, die beide in unterschiedlichen Lebenswelten verankert sind: Essen und das Ruhrgebiet haben mit dem Konzept der postindustriellen Kulturgesellschaft "Kultur durch Wandel" geworben. Die Europastadt Görlitz-Zgorzelec hat ein Konzept der grenzüberschreitenden kulturellen Integration und des Dialogs zwischen den verschiedenen Kulturen vorgestellt. Die Jury hat das Konzept in der Begründung eingehend gewürdigt.
Der seit fünf Jahren laufende Bewerbungsprozess und die hochprofessionelle Erarbeitung des Bewerbungs- und zugleich Kulturkonzeptes mit der überregionalen Anerkennung durch die Nominierung als "Kulturhauptstadt Europas 2010" durch eine hochkarätig besetzte deutsche Jury der Kultusministerkonferenz im März 2005 hat in der deutsch-polnischen Doppelstadt eine eigene Dynamik und viele Bürger- wie Wirtschaftsinitiativen freigesetzt. Darüber hinaus wurde erreicht, dass die Stadt aus dem "Nirgendwo" bereits in den letzten Monaten Schritt für Schritt herausgetreten ist, an Image und viele Sympathisanten in Land, Nation und in ganz Europa gewonnen hat. Die Besucherzahlen sind um 40 % im Bewerbungszeitraum gegenüber den Vorjahren gestiegen, die Europastadt Görlitz-Zgorzelec ist mittlerweile eine feste Größe auf dem internationalen Tourismus-Parkett.
Die Dynamik soll fortgesetzt und ein neues Profil von Görlitz mit eigenen Zügen von Zgorzelec als potenzieller kultureller Mittelpunkt einer sich neu gestaltenden europäischen Region weiterentwickelt werden. "Unabhängig von der Jury-Einschätzung werden wir die laufenden und insbesondere in der Dynamik des Bewerbungsprozesses vorangetriebenen Projekte fortsetzen und vollenden. So in erster Linie die Entwicklung des Brückenparks Neisse zur gemeinsamen geistig-kulturellen Mitte beider Städte. Dazu gehört auch die Etablierung des "Festival für Vergessene Musik" als internationales Musikfestival neben dem Schlesischen Musikfest. Bereits heute zeichnen sich hier viele Initiativen vieler Bürgerinnen und Bürger, kultureller Einrichtungen sowie der Region ab", so die Bürgermeister Joachim Paulick und Mirosław Fiedorowicz. Kulturbürgermeister Ulf Großmann will auch an der Erarbeitung der Ausstellungskonzeption zur "Via Regia" festhalten: "Wir werden sie als Landesausstellung vorschlagen". Und er hat gemeinsam mit dem Theater-Intendanten Michael Wieler und mit dem künstlerischen Direktor der Kulturhauptstadtbewerbung Peter Baumgardt noch mehr vor: "Wir werden auf dem Erreichten aufbauen und uns nicht nur mit dem Jahr 2010 beschäftigen, sondern mit der Dekade 2010 bis 2020". Jährlich soll es dann im Kontext zum Brückenparkkonzept ein grenzüberschreitendes und die hier aufeinander treffenden verschiedenen kulturellen Welten zusammenführendes Kulturprogramm zu einem jeweils europarelevanten Thema geben.
Die Kosten der Bewerbung waren eine exzellente Investition in die Zukunft der Europastadt Görlitz-Zgorzelec. Neben dem deutlichen Anstieg der Besucherzahlen und der großen überregionalen medialen Aufmerksamkeit, ist der Prozess von einer starken Identifizierung der Einwohner mit der Stadt geprägt. Nicht zu vergessen ist die starke Unterstützung seitens der Wirtschaft, die der Stadt und Region neue Impulse beschert. Deshalb wird an den Grundlagen der Bewerbung festgehalten und die begonnenen Ziele weiterhin verfolgt. Dazu gehört auch die Realisierung der Einrichtung eines "Forum for Arts & Media" als Werkstatt für Künstler aus dem Bereich zeitgenössischer und Video-Kunst. Ein erstes Konzept dazu liegt vor, das weiterentwickelt wird. Die Finanzierung des Forums wird sich auf Sponsoren und Investoren stützen. Bis zum Sommer wird eine geeignete Struktur zur Realisierung erarbeitet und etabliert, das Know-how und das fachlich-fundierte Potenzial des Kulturhauptstadtbüros sollen hierin eingebunden werden.
Gemeinsam danken die Bürgermeister allen, die an dem Prozess beteiligt waren - der Geschäftsstelle Kulturhauptstadt 2010 und ihrem Künstlerischen Direktor und Geschäftsführer Peter Baumgardt, dem Beirat des Geschäftsstellen-Trägers Europa-Haus Görlitz e.V., den Fördervereinen in Görlitz und Zgorzelec und allen Mitgliedern, allen Paten, der Sächsischen Staatsregierung für die finanzielle und ideelle Unterstützung, insbesondere dem Ministerpräsidenten Prof. Dr. Georg Milbradt sowie der Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst Barbara Ludwig, dem Sächsischen Landtag. Ebenso gilt der ausdrückliche Dank der polnischen Regierung, insbesondere der Wojwodschaft Dolnośląskie. Hervorzuheben ist das Engagement der Premiumsponsoren Ostdeutscher Sparkassenverband und Sparkasse Oberlausitz-Niederschlesien, Vattenfall Europe AG, Veolia Water GmbH und die Stadtwerke Görlitz sowie die Unterstützung des MDR als Medienpartner. Großer Dank gilt natürlich auch den Firmen und Unternehmern der Stadt, den Einrichtungen und insbesondere den Bürgern, die dabei waren, gehofft und sich engagiert und den Glauben in das Potenzial ihrer Stadt nie verloren haben.
"Bleiben Sie uns und sich treu und bauen Sie weiter mit an unserer europäischen Kulturstadt Görlitz-Zgorzelec", appellieren Oberbürgermeister Paulick und Bürgermeister Fiedorowicz. Ebenso appellieren sie an die zuständigen Instanzen, ihre Unterstützung nicht einzustellen und finanzielle Optionen für Görlitz-Zgorzelec offenzuhalten. Die Zusage von Fördermitteln des Kulturraums, des Landes und des Bundes ist bisher an die Nominierung der Stadt gebunden. Paulick: "Es geht aber nicht um kostspielige, aber letzten Endes verzichtbare Events, sondern um einen notwendigen politischen und wirtschaftlichen Integrationsprozess an der deutsch-polnisch-tschechischen Grenze. Und wir wollen diesen gestalten. Darauf setzen die Menschen ihre Hoffnung. Dafür arbeiten sie. Deshalb muß der begonnene Prozess fortgesetzt werden. Die nächsten Jahre können für die Stadt und die Region ein Erfolg werden, denn sie hat den festen Willen, sich von der Europastadt zur ?Europäischen Kulturstadt" weiterzubilden". Dass die Europastadt gerade jetzt noch mehr Gäste erwartet als bereits bisher, darin sind sich alle einig, nachdem bei vielen in ganz Deutschland große Sympathie für den an der Neiße stattfindenden "work in progress" gibt. Sie willkommen zu heißen "in the real heart of europe" "im wirklichen Herz Europas" mit deutscher Gastlichkeit und polnischem Charme, das ist der Anspruch, den sich die Europastadt Görlitz-Zgorzelec auch weiterhin setzt.
Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt hat die Bewerbung von Görlitz/Zgorzelec um den Titel Kulturhauptstadt Europas 2010 als großen Erfolg bezeichnet. "Durch den Bewerbungsprozess stieg die Zahl der Touristen in Görlitz um 40 Prozent." Die Europastadt Görlitz/Zgorzelec habe sich auf nationaler Ebene gegen namhafte Konkurrenten wie Regensburg, Karlsruhe, Lübeck und Potsdam durchsetzen können und sei erst im europäischen Finale äußerst knapp gegen Essen unterlegen. "Ganz Sachsen ist stolz auf diese Leistung der Görlitzer." Milbradt dankte allen, die einen Anteil an der Bewerbung gehabt haben, insbesondere Oberbürgermeister Joachim Paulick und dem Bürgermeister von Zgorzelec Miroslaw Fiedorowicz, den Mitgliedern des Kuratoriums, den Mitarbeitern des Kulturhauptstadt-Büros und allen Görlitzern, die sich engagiert haben.
Die Europastadt Görlitz/Zgorzelec habe durch den Bewerbungsprozess gelernt, wie wichtig es sei, alle Kräfte auf ein Ziel auszurichten. Dann könne auch eine kleinere Stadt Erfolge haben. Görlitz müsse in Zukunft seine Stärken stärken und noch mehr als bisher den Tourismus in der Region beleben, so Milbradt.
Milbradt bedauerte, dass die Expertenjury nicht erkannt habe, welche Chance Europa durch eine Nominierung von Görlitz/Zgorzelec gehabt hätte. "Die Bürger von Görlitz und Zgorzelec werden an ihrem Ziel, eine Modellstadt für Europa zu sein festhalten. Sie entscheiden, wie sich Europa an dieser wichtigen Schnittstelle gestaltet. Für den Freistaat ist und bleibt es Ziel , den Prozess der EU-Erweiterung positiv zu gestalten."
Zum Ausscheiden der Stadt Görlitz/Zgorzelec in der Endrunde um den Titel "Kulturhauptstadt Europas 2010" erklärte heute die Sächsische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, Barbara Ludwig: "Die Enttäuschung nach der heutigen Entscheidung der europäischen Jury ist bei allen an der Bewerbung Beteiligten -so auch bei mir - groß. Wir haben uns alle diesen Titel von ganzem Herzen gewünscht. Er hätte eine herausragende Leistung der Menschen in Görlitz/Zgorzelec, eine anspruchsvolle binationale Stadtentwicklung - mit einem Konzept, das auf Kultur, Bildung und die Künste als Grundlage europäischen Zusammenlebens setzt - ausgezeichnet. Aber wir dürfen nicht vergessen: Mit der heutigen Entscheidung der Jury wurde eine Empfehlung für die Kulturhauptstadt Europas 2010 gegeben - die Entscheidung über die Zukunft einer Region, die weitere deutsch-polnische Verständigung, über Versöhnung und europäische Integration fällt nicht in Brüssel, sondern wird von der Initiative der Menschen in den Regionen bestimmt. Mit der Bewerbung hat Görlitz/Zgorzelec Großartiges geleistet: DIe Bewerbung hat den Menschen der Region einen kräftigen Schub für die Verständigung, für den weiteren Integrationsprozess, für die deutsch-polnische Verständigung gegeben. Dieser Weg ist unumkehrbar, und die Menschen in Görlitz/ Zgorzelec werden ihn weitergehen. Sie schaffen damit die Grundlage nicht nur für den kulturellen Reichtum sondern auch für den wirtschaftlichen Erfolg ihrer Europastadt. Er ist schon jetzt im sichtbaren Engagement der Wirtschaft und den deutlich angestiegenen Touristenzahlen spürbar. Der Mut, die Entschlossenheit und das Engagement der Menschen in Görlitz/Zgorzelec, die Entwicklung ihrer Stadt selbstbewusst zu gestalten und in das Zentrum der europäischen Aufmerksamkeit zu rücken, hat diesen Erfolg ermöglicht, auch wenn der ersehnte Titel einer Kulturhauptstadt nicht errungen werden konnte. Darauf können alle in Görlitz und Zgorzelec mit Stolz blicken."
Die Sächsische Staatsregierung wird den Prozess der Integration, der mit der Kulturhauptstadtbewerbung eröffnet wurde, weiterhin unterstützen. Das zentrale Projekt der Kulturhauptstadtbewerbung, der Brückenpark, mit seinen städtebaulichen Komponenten und der Sanierung wichtiger Kulturbauten, ist eingebettet in ein von der Stadt Görlitz entwickeltes Stadtentwicklungskonzept, für das bis zum Jahr 2010 zirka 83 Mio. Euro Gesamtkosten eingeplant waren. Es wird auch in Zukunft vom Freistaat mitfinanziert werden.
Kommentar:
Die Würfel sind gefallen. Vorteil: Wir haben eine klare Situation, die durch eine hervorragende Ausgangsbasis gekennzeichnet ist, die Europastadt Görlitz-Zgorzelec mit dem Schwung des Bewerbungsprozesses weiter zu entwickeln.
Sicher werden sich in den nächsten Tagen die Analysten melden und erklären wollen, warum Görlitz-Zgorzelec nur zweiter Sieger wurde. Ehe Schuldzuweisungen formuliert werden, sollte bedacht werden: Gewonnen hat die Region allemal. Mit Ursachenanalysen, zwangsläufig entstehenden Diskussionen, Angriffen, Verteidigungen kann man sehr effizient Energie verpulvern. Weitermachen ist die Devise!
Eines wird allerdings interessant sein: Woran die Entscheidung festgemacht wurde. Brüssel liegt ein Stück weit weg von der ehemaligen EU-Außengrenze zu den osteuropäischen Beitrittsländern. Hat man hier das Gespür für die neue europäische Osthälfte, für die Probleme und Chancen beim Verschmelzen unterschiedlicher Lebenserfahrungen und Mentalitäten? Oder war die wirtschaftliche Potenz ausschlaggebend? Oder wurde der erfolgreich gesteuerte Strukturwandel des Ruhrgebiets wirklich stärker bewertet als die beispielhafte Annäherung zweier Teilstädte, wie sie nach Krieg und Vertreibung komplizierter kaum sein kann?
Aufgaben gibt es in Görlitz-Zgorzelec zuhauf. Es wäre ein guter Abschied des Kulturhauptstadtbüros, wenn nun die Ziele für 2010, wo nötig, angepasst oder neu formuliert würden.
Wieso Abschied? Warum nicht die Instanz des Büros in anderer Form fortführen - schließlich hat sich das kulturell orientierte Bewerbungsbüro als erfolgreiches Element der Wirtschaftsförderung bewiesen.
"Wenn die Idee die Massen ergreift, dann wird sie zur materiellen Gewalt!" wusste schon vor fast 100 Jahren ein gewisser Herr W. I. Uljanow.
/Thomas Beier


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- Quelle: /SSK /SMWK /red
- Erstellt am 11.04.2006 - 14:48Uhr | Zuletzt geändert am 11.04.2006 - 16:26Uhr
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