Volksaufstände in Polen und der DDR
Görlitz-Zgorzelec. Eine Ausstellung im Landgericht Görlitz vertmittelt ab dem 16. Juni 2007 Informationen zur politischen Situation in der DDR und Polen in den 1950er Jahren sowie vergleichende Einblicke in Ausprägungen von Diktatur und Widerstand.
Aufgezeigt werden auch die Folgen für die weitere Entwicklung in beiden Ländern und die Oppositionsbewegungen in Mittel- und Osteuropa. Engagiert haben sich der Landesbeauftragte Mecklenburg-Vorpommern für die Stasi-Unterlagen und das Landgericht Görlitz.
Vernissage in Görlitz
Hingehen!
Ausstellungseröffnung "Volksaufstände in Polen und der DDR in den 1950er Jahren"
am Sonnabend, 16. Juni 2007, 14 Uhr
im Landgericht Görlitz, Postplatz 18, 02826 Görlitz
Ausstellungsdauer:
16. - 29. Juni 2007
Öffnungszeiten:
Montag bis Donnerstag 08:00 bis 16:30 Uhr
Freitag 08:00 bis 15:00 Uhr
Am Eröffnungstag: Sonnabend, 16.Juni 2007 14:00 bis 16:00 Uhr
Vorher wissen: Hintergrundwissen:
1. Gemeinsame Erfahrungen und Erinnerungen
In der Nachkriegszeit durchlebten die Polen und die Deutschen im sowjetisch besetzten Teil Deutschlands ein ähnliches Schicksal.
Beide Völker haben Vertreibung und Aussiedlung erfahren, beiden wurde von außen ein totalitäres System aufgezwungen.
2. Der Besiegte und ein Sieger geraten in eine fast gleiche Situation
Polen hatte zum Sieg der Anti-Hitler-Koalition beigetragen durch seine Exilregierung in London, die Widerstandsbewegung im Land und seine Truppen auf der Seite der Aliierten.
Die Annexion Ostpolens durch die Sowjetunion wurde während der Konferenz in Jalta im Februar 1945 von den Westalliierten legitimiert.
Im Widerstand gegen die Sowjetisierung des Landes verloren nach Kriegsende Tausende Polen ihr Leben.
In den Jahren 1946/47 erfolgte nach sowjetischem Vorbild systematisch die Gleichschaltung aller politischen Kräfte unter Führung der Kommunisten.
Deutschland war im Frühjahr 1945 ein besiegtes Land, das nach dem Ende des Naziregimes keine eigene Regierung mehr hatte. Die Großmächte vereinbarten auf der Potsdamer Konferenz die Übergabe des östlich von Oder und Neiße gelegenen Ostdeutschlands an Polen als Entschädigung für dessen Gebietsverlust an die Sowjetunion.
In der sowjetisch besetzten Zone zwischen Elbe und Oder wurde die relativ kleine Gruppe der Kommunisten begünstigt, die Führung in allen Bereichen von Staat und Gesellschaft zu übernehmen. Politisch unliebsame Deutsche wurden isoliert und ausgeschaltet, zum Teil durch Internierung in sowjetische „Speziallager“.
3. Die Jahre des Stalinismus in Polen und der DDR
Prägend für die Nachkriegszeit waren in beiden Ländern die Beseitigung der Kriegsfolgen und der Wiederaufbau. Es kam zu Enteignungen und Verstaatlichungen, die sozialistische Industrialisierung ging einher mit der Einführung der Planwirtschaft.
Die Förderung der Schwerindustrie führte zu einer Vernachlässigung der Produktion von Konsumgütern mit zum Teil katastrophalen Folgen für die Versorgung der Bevölkerung.
In der Landwirtschaft wurden die Steuern und Ablieferungen erhöht mit dem Ziel, die selbständig wirtschaftenden Bauern zur Kollektivierung zu zwingen.
In der ersten Hälfte der 1950er Jahre kam es zu einer weitgehenden Angleichung der Verhältnisse in Polen und der DDR. Stalin wollte demokratische Entwicklungen nicht zulassen und erzwang in beiden Ländern die Errichtung eines totalitären politischen Systems.
In Polen erfolgten „Säuberungen“ in der kommunistischen Partei, die Führung übernahm der in Moskau geschulte Boleslaw Bierut.
Der sowjetische Marschall Rokossowski wurde zum polnischen Minister für nationale Verteidigung ernannt.
Ein umfangreicher Polizei- und Geheimdienstapparat kontrollierte nahezu alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens.
Die Angriffe der Kommunisten richteten sich zunehmend gegen die katholische Kirche (Festnahme von Primas Wyszynski, Enteignung des Vermögens der „Caritas“ und des gesamten kirchlichen Landbesitzes).
In der DDR erfolgte der Aufbau des Staatssicherheitsdienstes unter sowjetischer Kontrolle. Bis 1953 amtierten sowjetische Militärtribunale, die Gegner der Diktatur verhafteten, harte Strafen festsetzten und oft Todesurteile fällten.
Das SED-Regime führte eine Hetzkampagne gegen die evangelischen „Jungen Gemeinden“ durch.
Die „Freie Deutschen Jugend“ (FDJ) war die einzige staatlich anerkannte Jugend- organisation in der DDR und galt als Kaderreserve der SED; andere Organisationen waren nicht zugelassen.
4. Der Tod Stalins: Aufstand in der DDR und Tauwetter in Polen
Nach dem Tod Stalins am 5. März 1953 erreichte der Stalinkult seinen Höhepunkt.
Die Sowjetunion beließ umfangreiche Truppen in der DDR und auch im westlichen Teil Polens.
Das politische Leben änderte sich zunächst nicht.
In der DDR wurden die negativen Folgen der Politik des „planmäßigen Aufbaus des Sozialismus“ offenbar: Der Lebensstandard der Bevölkerung war spürbar gesunken, in zunehmender Zahl flüchteten Menschen in den Westen.
Am 16. Juni 1953 brach ein Streik auf der im Bau befindlichen Berliner Stalinallee aus. Daraus entwickelte sich am 17. Juni ein Arbeiter- und Volksaufstand in der gesamten DDR, der von den sowjetischen Besatzungstruppen niedergeschlagen wurde.
Die Moskauer Partei- und Staatsführung unter Chruschtschow leitete einen neuen Kurs ein, der die schlimmsten Auswüchse des innersowjetischen Terrors beseitigte. Während des 20. Parteitages der KPdSU im Februar 1956 hielt Chruschtschow eine bemerkenswerte Rede, in der zahllose Verbrechen Stalins gegen das eigene Volk und die kommunistische Partei wie auch gegen Ausländer enthüllt wurden.
Polens Parteichef Bierut erkrankte gegen Ende des sowjetischen Parteitages und verstarb im März 1956 in Moskau.
In Polen kam es zu einer als „Tauwetter“ bezeichneten Periode der Liberalisierung
(Amnestie von politischen Gefangenen, Sturz von Stalinisten, Durchsetzung eines kollektiven Arbeits- und Leitungsstils in der Partei- und Staatsführung, Entwicklung des Wohnungsbaus und der Lebensmittelindustrie).
5. Der Posener Arbeiteraufstand
Im Frühjahr 1956 herrschte in ganz Polen eine angespannte wirtschaftliche und soziale Situation. Wegen unzumutbarer Arbeitsbedingungen, Normerhöhungen und weiterer Missstände kam es in Posen (Poznan) zu einem Streik in den Cegielski- Eisenbahnwerken, der am 28. Juni zu einem Arbeiteraufstand mit politischen Forderungen eskalierte.
Der Aufstand wurde auf Beschluss Warschaus von polnischen Einheiten blutig niedergeschlagen.
6. Der „Polnische Oktober“
Die Auseinandersetzung mit den Ursachen des Juni-Aufstands führte zu Unruhe und Misstrauen im Land und wachsendem Druck innerhalb der Partei.
Der während der Stalinzeit aus der Partei ausgestoßene Wladyslaw Gomulka kehrte im Triumph und mit der Unterstützung von weiten Teilen der polnischen Gesellschaft an die Macht zurück und wurde Parteichef der Vereinigten Polnischen Arbeiterpartei.
Mit Geschick sorgte er für Reformen und Entspannung im Lande:
- Abzug der sowjetischen „Berater“ und Rückkehr des Verteidigungsministers Rokossowski in die Sowjetunion
- Einstellung vieler vom Juni-Aufstand herrührender Verfahren
- Freilassung des internierten Primas und Verbesserung des Verhältnisses zwischen Staat und Kirche
- Beendigung der Kollektivierung der Landwirtschaft
- Möglichkeiten für Reisen polnischer Bürger auch in das westliche Ausland.
7. Die Deutschen in der DDR blicken nach Polen
Die polnischen Ereignisse im Sommer und Herbst 1956 sowie das Geschehen in Ungarn wurden von den Deutschen in Ost und West mit Aufmerksamkeit beobachtet. Viele Menschen in der DDR hörten westliche Nachrichtensender (RIAS, NDR) mit ungefilterten Informationen und Korrespondentenberichten.
Lebhaftes Interesse und Sympathie für die Entwicklung im Nachbarland zeigten Studenten, Hochschullehrer und Intellektuelle.
Mit Bezug auf die Ereignisse in Polen und Ungarn tauchten in der DDR Flugblätter, Handzettel und regimefeindliche Losungen auf mit Forderungen nach Abzug der Sowjetarmee, Sturz der Regierung und freien Wahlen.
Die SED war verunsichert und misstraute Gomulka. In der Presse der DDR wurde zurückhaltend, tendenziös und teilweise entstellend über die Veränderungen in Polen berichtet.
8. Die Bilanz der Aufstände von 1953 und 1956
Die Posener Aufstand hatte weit reichende Folgen für die Liberalisierung des politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebens im Land; die polnische Nation machte die Erfahrung, dass Widerstand gegen die Kommunisten und die Sowjetunion sinnvoll und erfolgreich sein kann.
Weitere Streiks, Unruhen und Aufstände in Polen in den folgenden Jahrzehnten unterhöhlten das kommunistische System, waren Ermutigung auch für die Nachbarvölker und trugen zur Befreiung Europas von Diktatur und Fremdbestimmung bei.
Der Aufstand vom 17. Juni in der DDR entfaltete dagegen nur begrenzte Wirkungen; eine zu radikal gegen die Bevölkerung gerichtete Wirtschaftspolitik wurde von der SED fortan vermieden.
Um Gängelung und Verhaftung zu entgehen, flohen bis 1961 etwa drei Millionen Deutsche von der DDR in den Westen.
Zu Protesten kam es in den folgenden Jahrzehnten immer wieder. Aus der Friedens-, Umwelt- und Demokratiebewegung der siebziger und achtziger Jahre entstanden 1989 die neuen Bürgerbewegungen und Parteien, die nach polnischem Vorbild Verhandlungen mit dem Regime am „Runden Tisch“ erzwangen. Das wichtigste Ergebnis waren erstmals freie Parlamentswahlen in der DDR am 18. März 1990, die zur Herstellung demokratischer Verhältnisse und zur Einheit Deutschlands führten.


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- Quelle: /red
- Erstellt am 14.06.2007 - 19:08Uhr | Zuletzt geändert am 14.06.2007 - 19:17Uhr
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