Der Mohr in Görlitz
Görlitz, 10. November 2019. In Görlitz ist alles anders, ganz anders. Selbstverständlich ist das so. Aber es nicht nur anders: Es ist besser. Nehmen wir beispielsweise die Wärmestuben, die des Winters in vielen Städten öffnen und meist warmen Tee und Suppe bereithalten.
Zwölfte Saison der Lesebühne Hospitalstraße
Thema: Lesebühnen

Lesebühnen sind in Görlitz fester Kulturbestandteil - teils musikalisch unterlegt, teils mit Autoren von vor Ort, teils mit weitgereisten Schreib- und Lesenden.
In Görlitz gibt es eine Wärmestube von anderer Art. Sie öffnet vereinzelt abends für nur wenige Stunden, die Bedürftigen zahlen angemessenen Eintritt und bekommen etwas vorgesetzt, für das die Bezeichnung Suppe herabwürdigend wäre: Es gibt Lesetexte und Musik auf die Ohren, bis die Seele glüht. Die Rede ist von der Lesebühne Hospitalstraße. Dort wird im November der Mohr begrüßt. Aber der Reihe nach.
Novemberblues ist was für junge Leute, die noch gar nicht ahnen, welche Vielfalt an Überraschungen das Leben ihnen bieten wird, wenn sie sich nur von Bildschirmen jedweder Ausprägung fernhalten. So einer, den der Novemberblues nicht anficht, ist der Lesebühnenmethusalem Axel Krüger, der bereits seit elf Jahren das Publikum im APOLLO, dem kleinen Haus des Görlitzer Theaters, regelmäßig unterhält. Was für andere ein Horrortrip ist, gibt dem Krüger Rückenwind: Er kommt selbst im matschbraungrauen Herbst von seinen Frühlingsgefühlen nicht mehr runter und tönt: "Wir leben unseren zwölften Frühling aus!"
Gemeinsam mit Kompagnon Mike Altmann hat sich Axel Krüger die ferngewärmte Schreibstube verkrochen (der naheliegende Reim "und Texte verbrochen" verbietet sich anstandshalber). Wie also entstehen dort, wo sie Leuchtstoffröhre flackert, die Geschichten, die später auf der APOLLO-Bühne höchstpersönlich vorgetragen werden? Krüger äußert sich auf verräterische Weise schriftlich: "Altmann träumt von seiner Kindheit mit Klub-Kola in Königshufen – ich von einem guten Gespräch mit Gott bei einem Glas Blanc de Noir." Was dieser Satz verrät? Auch 30 Jahre nach der Öffnung der inneren Grenzen ist bei dem flugs in den fernen Osten geeilten Krüger noch nicht angekommen, dass sich die legendäre Club Cola so und nicht anders schreibt. Aber damit und mit ihm insgesamt können die Görlitzer leben, auch wenn vielleicht irgend so ein stolzer Ur-Görlitzer lieber Koka Kola trinkt.
Der November in der deutschen Geschichte
Es ist schon merkwürdig, was die deutsche Geschichte für diesen Monat, der vielen das Ende in ihre Gedankenwelt bringt, in ihrem Schatzkästlein der Geschichte birgt. Meist ging darum, dass sich viele Menschen für etwas begeistern ließen. Sie machten Revolution, ließen sich so sehr gegen andere aufhetzen, dass sie Pogrome veranstalteten, oder gaben ihrem dumpfen Drang nach fröhlicher Vereinigung nach. Und nun dieser vorletzte Sonnabend im November des Jahres 2019, wo sich ein vielköpfiges Publikum von Autoren beeinflussen lassen will. Was wird daraus entstehen?Den November charakterisiert der Autor Mike Altmann als "Monat, in dem edle Maulhelden geboren wurden". Wenigstens von Altmann wissen wir, dass er ein Novemberkind ist. Sein Geburtstag am zwölften Tag ist eine Prophezeiung, leitet sich die Bezeichnung der Zahl Zwölf doch vom althochdeutschen "zwelif" ab, was man etwas großzügig mit "zwei bleiben übrig" übersetzen kann. Wir wissen, wer gemeint ist.
"Da Krüger und Altmann zwei Stunden Programm körperlich und geistig nicht alleine stemmen können, locken sie seit vielen Jahren unter blumigsten Versprechungen Künstler aus fremden Gefilden an die Neiße", war aus gewöhnlich gut informierter Quelle zu erfahren. Offenbar locken sie so froh und erfolgreich, dass sich manche der Künstler regelrecht aufdrängen möchten, doch die weisen die Türhüter der Görlitzer APOLLO-Lesebühnenkultur ab.
Wer einen Lebensabschnitt bei einem militärischen Haufen verbringen musste, der kennt das Pokerspiel, das begann, wenn auf dem Kasernenhof der Befehl "Freiwillige vortreten!" erschallte. Was den Freiwilligen erwarten würde, war unklar: Würde der nächste Befehl, zu dem man sich mit seinem Vortreten verpflichtete, vielleicht höchst unangenehme Konsequenzen mit sich bringen – oder etwa eine angenehme Ablenkung vom trüben Waffendienst? Ähnliche Gefühle mögen jene Künstler durchströmen, die sich freiwillig für einen Auftritt auf der Lesebühne Hospitalstraße melden. So einer ist Rob Fleming, ein Musiker aus Berlin, der seine Inspirationen bei Künstlern wie Rio Reiser, Element of Crime, Thees Uhlmann und Gisbert zu Knyphausen abonniert hat. Das ist ziemlich genau jene Musikmischung, die Krüger & Altmann beim gemeinsamen Kochen mallorquinischer Aufläufe als Würze verwenden. Kann Musik Geschmack überlagern? Droht dem Lesebühnenpublikum der Selbstversuch?
Der Vierte im Lesebühnenbunde ist neben Altmann, Fleming und Krüger ein gewisser Francis Mohr aus Dresden, ein umtriebiger Autor mit eigener Lesebühne, der Phrase4 in der veränderbar auf der – welch grandioser Zufall – auf der Görlitzer Straße. Ist es nicht immer wieder schön zu sehen, wenn sich Autoren auf dem richtigen Weg befinden? Dieser Mohr also schreibt Romane, Kurzgeschichten und Theaterstücke. Wenn er sich auf den Weg zum APOLLO macht, hat er sein im Dezember 2018 erschienenes, noch immer aktuellstes Buch "HOTEL A_TORIA“ (erschienen bei Zwiebook, ISBN 978−3−943451−38−2, 12,90 Euro) im Gepäck. Es enthält Kurzgeschichten.
Prädikat: Unbedingt hingehen!
Dienstag, 26. November 2019, 19.30 uhr,
APOLLO-Theater Görlitz, Hospitalstraße 2, 02826 Görlitz
Der Ticketpreis korrespondiert mit dem Altmann-Geburstag, liegt also bei exakt zwölf Euro. Gar nicht auszudenken, die Geburt hätte sich verzögert, war schon spät genug, Herr Altmann! Der Erwerb im Vorverkauf gibt allen Beteiligten ein sicheres Gefühl: Dem Publikum die Gewissheit, dabei sein zu können, den Veranstaltern und Künstlern hingegen neben einer schwarzen Zahl, weil der Laden vielleicht wieder mal voll ist, zusätzlich große Motivation.
Zu den Vorverkaufsstellen gehört die Theaterkasse des Gerhart-Hauptmann-Theaters, die es auch online macht. Auf Wunder an der Abendkasse ist kein Verlass: Das Risiko, dass alle Tickets vor Vorstellungsbeginn verkauft sind, ist unkalkulierbar hoch.



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- Quelle: red | Foto: © Görlitzer Anzeiger
- Erstellt am 10.11.2019 - 10:34Uhr | Zuletzt geändert am 10.11.2019 - 12:35Uhr
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